CH.FILM

Dem Himmel zu nah Schweiz 2015 – 93min.

Dem Himmel zu nah

Filmkritik

Die unendliche Traurigkeit des Seins

Urs Arnold
Filmkritik: Urs Arnold

In ihrer ersten Langfilm-Doku verarbeitet Annina Furrer den Freitod ihres Bruders Marius. Es ist Spurensuche und Therapie zugleich.

«Wir haben nicht damit gerechnet», gibt Annina Furrer unumwunden am Anfang ihres Filmes zu. Und doch ist es passiert, das Schlimmstmögliche. Am 17. November 2009 verliess ihr Bruder Marius die psychiatrische Klinik in Zürich, fuhr mit dem Zug nach Bern, und stürzte sich dort von der Kornhausbrücke.

Der Freitod von Marius erschütterte die Familie und Marius' Freundin zutiefst. Danach versuchte man sich so gut wie möglich damit abzufinden, womit sich besonders Annina Furrer schwertat. Respekt für die Entscheidung ihres Bruders aufzubringen, das konnte sie nicht. In ihrer Aufgebrachtheit machte sie sich daran, das Geschehene mit einem Dokumentarfilm zu verarbeiten. Darin geht sie gemeinsam mit ihrer Familie auf eine Spurensuche, welche die Bruchstellen in Marius’ Leben hervorbringen soll.

Auf dieser Rekapitulation der Vergangenheit, die sich über Gespräche in der Familie, über geschriebene Briefe, aufgenommene Bild- und Tondokumente facettenreich präsentiert, kristallisiert sich mit der Zeit heraus: Auch die positivsten Gegebenheiten in einer Familie beugen solcher Unglücke nicht vor. Könnte Marius' Adoption eine Weichenstellung gewesen sein? Das Schicksal selbst entkräftet diesen Verdacht zu einem gewissen Grad. Erfahren wir doch, dass Elisabeth, die leibliche Schwester von Annina Furrer, ebenfalls Suizid beging. 18 Jahre vor Marius.

Zwei solch schreckliche Ereignisse sind eine riesige Hypothek für eine einzelne Familie. Deshalb ist es ungemein couragiert von Annina Furrer, solch einen Film zu realisieren, und von ihrer Familie, sich auf diesen einzulassen. Einzig der Vater verzichtete darauf; seine Gründe legt er in einem bewegenden Brief nachvollziehbar dar.

In der wohlüberlegten Struktur und der ausgewogenen Vermengung von Unterhaltungen, Zeitdokumenten und ruhenden Landschaftsbildern, über denen das Gesprochene zu liegen kommt, erkennt man den Erfahrungsschatz von Annina Furrer, die für das SRF bereits zahlreiche Dokus gedreht hat. Die Recherche behält sie sachlich; Raum für Emotionen schafft sie sich mit ihren Worten aus dem Off. Tiefe Eindringlichkeit entwickeln vor allem die Tondokumente von Marius, einer Art Tagebuch, die er seinerzeit geführt hat. Visuell sind es die gemalten Bilder von Elisabeth, die uns in schwer ertragbarer Deutlichkeit mit Qual und Einsamkeit konfrontieren.

Dem Himmel zu nah ist ein Film, der es eindrucksvoll schafft, den Schmerz und die Unverständnis über den Verlust eines geliebten Menschen nachzuempfinden. Der zeigt, dass manche Seelen verloren sind, egal wie sehr man ihnen zu helfen versucht. Und der es letztendlich doch auch vermag, den Zuschauer mit einer hoffnungsvollen Note aus dem Kino zu entlassen.

18.03.2016

4

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