CH.FILM

Ferdinand Hodler - Das Herz ist mein Auge Schweiz 2004 – 74min.

Filmkritik

Maler zwischen Natur und Monumentalität

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Nach den Künstler-Porträts über Balthus, Alberto Giacometti und Henri Cartier-Bresson rückt der Dokfilmer Heinz Bütler das Maler-Monument Ferdinand Hodler ins Bild. Vier Hodler-Bewunderer bringen den Künstler und sein Werk auf ihre Art näher. Ein vielstimmiger Diskurs.

Ein Mann öffnet eine Schatulle und strahlt: alte, halb ausgedrückte Farbtuben, verstaubte Pinsel, ein Lappen. "Der Originallumpen" bemerkt Jura Brüschweiler, Kunsthistoriker. Malerutensilien von Ferdinand Hodler, dem Berner, der das "Tell"-Image nachhaltig prägte. Später kramt der Experte Hodlers Carnets hervor, "Milchbüechli", in denen der Maler notierte, was ihm in den Sinn und vor Augen kam.

Rudolf Schindler, Maler und Sammler, hatte in den Fünfzigerjahren Zugang zu Hodlers Atelier, er konnte Skizzen, Studien und Zeichnungen erwerben. Er breitet sie vor uns aus, und so wird die Arbeit des Künsters lebendig, die Entwicklung eines Bildes nachvollziehbar.

Hodlers Werk war lange Zeit belastet und qualifiziert durch einzelne Bilder wie durch den heldischen "Tell" (1897) oder den markigen "Holzfäller" sowie durch seine monumentalen Schlachtenfresken. Der "Tell" wurde zur Ikone, andere Gemälde reduzierten den Maler aufs Heldische, Hehre, Monumentale. Bildnisse wie "Die Nacht" (1889/90) oder "Der Tag" provozierten Skandale wegen offener weiblicher Nacktheit. Seine akribische Dokumentation der kranken und sterbenden Geliebten Valentine Godé-Darel (1914/15) werden zu Zeugnissen seines Mitleidens, einer Leidenschaft und ungeheurer Beobachtungsgabe.

Gleichwohl sind es vor allem seine Landschaftsbilder, die bis heute faszinieren und international hoch geschätzt werden. Eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich rückt diesen Hodler, der Kunstgeschichte über die Schweiz hinaus schrieb, ins rechte Licht: "Landschaften" umfasst 72 seiner Werke und läuft bis am 6. Juni 2004.

"Die Darstellung einer Landschaft ist auch Ausdruck eines Gefühls - der Melancholie, der Freude", erklärt Hodler. Der Schriftsteller Peter Bichsel wollte es genau wissen und ist ganz nah herangegangen. Eine Erkenntnis: "Hodlers Bilder sind stumm - sie sagen kein einziges Wort, und sie lösen keine Sprache aus. Hodler bringt seine Bilder zum Schweigen. Das macht sie unheimlich." Als letzter Betrachter kommt schliesslich der Kunsthistoriker Harald Szeeman zu Wort.

Heinz Bütlers Film "Das Herz ist mein Auge" spricht nicht nur verschiedene Aspekte an - wie Hodlers Formwillen, seinen Symbolismus und Parallelismus (das Prinzip der Wiederholungen), das Mysthische und Monumentale, Menschliche und Malerische - sondern zeigt und erklärt sie, augenfällig und emotionell, bar jeglicher akademischer Gängelei und Verunklärung. Die Off-Kommentare sind sachlich und sparsam gesetzt, die Filmbilder über den Bildermacher stellen seine Werke und die Landschaften ins Zentrum. Der Dokumentarfilm öffnet so neuen Zugang zum "Nationalmaler" - unverkrampft, erhellend und einsichtig. Dass er so lebendig und frisch wirkt, ist vor allem den vier Hodler-Bewunderern zu verdanken, die unbelastet frisch von der Seele plaudern, schauen und staunen.

19.02.2021

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