CH.FILM

Accordion Tribe Österreich, Schweiz 2004

Accordion Tribe

Filmkritik

Die anderen Klänge des Akkordeons

Filmkritik: Irene Genhart

Stefan Schwieterts zweiter Handorgel-Film ist zum einen das packende Porträt des titelgebenden Akkordeon-Quintetts, zum andern ein fesselnder Film über den musikalischen Reichtum, welcher der Ziehharmonika innewohnt, wenn sie nicht als eintöniges Volksmusikinstrument missbraucht wird.

Als Jugendlicher habe er das Akkordeon gehasst, meint Stefan Schwietert. Doch dann wurde der Basler in Berlin Filmregisseur und spezialisierte sich auf Musikfilme: Spätestens seit "A Tickle in the Heart", dem Porträt über die Klezmer spielenden Epstein Brothers, steht er im Ruf, Musikfilme zu drehen, die hautnah dran an ihren Protagonisten und fast besser als jedes Konzert sind.

Im Verlauf seiner Arbeit an anderen Musikfilmen wie "Das Alphorn" hat Schwietert die Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien erfundene Handorgel neu entdeckt. Im Jahr 2000 stellte er mit "El acordeon del diablo", einem Porträt über den kolumbianischen Akkordeon-Spieler Francisco "Pacho" Rada, seinen ersten Handorgel-Film vor. Und nun reicht er mit "Accordion Tribe" einen zweiten nach.

Ausgangspunkt ist Schwieterts Begegnung mit dem blinden Wiener Akkordeonisten Otto Lechner, der sich das Handorgel-Spiel in Eigenregie beibrachte und sich heute auf seiner alten Hohner virtuos durch sämtliche Musikstile swingt. Lechner ist Mitglied der vom New Yorker Guy Klucevsek gegründeten, fünfköpfigen Band namens "Accordion Tribe". Als besagte Band, der noch der Schwede Lars Hollmer, die Finnin Maria Kalaniemi und der Slowene Bratko Bibic angehören, 2002 auf Europatournee ging und eine CD einspielte, ging Schwietert mit.

Was die fünf scheinbar verspielt, de facto aber hoch konzentriert nach den Wurzeln der Musik tastend, ihren Akkordeons entlocken, ist absolut einmalig. Musik, frei jeder Konvention und gleichwohl immer wieder auf ihre Herkunft aus der Volksmusik, dem Jazz, der Klassik verweisend. Klug, wenn nicht gar weise, reden die fünf Musiker, die alle selber auch komponieren, über ihre Beziehung zu ihrem Instrument und ihrer Musik. Von "gesunkenem Kulturgut" redet Lars Hollmer dabei und erklärt, wie er, der in Insiderkreisen als genialster zeitgenössischer Schöpfer neuer Melodie-Linien gilt, nicht mit dem Kopf, sondern dem Bauch, eben aus dem Gefühl heraus komponiert.

Maria Kalaniemi, Finnlands grösste Akkordeonspielerin, sagt glattweg, dass Musik vor allem gefühlt werden soll, setzt sich mit einer Kollegin in den Garten und spielt open air eine der wehmütigsten Balladen. So führt Schwieterts Film quer durch Europa bis nach Slowenien und dann nach New York, wo Klucevsek seinen alten Akkordeon-Lehrer besucht und von riesigen, amerikanischen Akkordeon-Schulorchestern erzählt, die sich an Stücken von Beethoven und Bartok versuchen und so das Akkordeon-Spiel ad absurdum führen.

Mal heiter, mal melancholisch, in seinen Bildern so originell wie in der Musik und in Ton- und Bildschnitt von meisterhafter musikalisch-rhythmischer Exaktheit, ist "Accordion Tribe" ein kleines kinematographisches Meisterwerk.

03.11.2004

4.5

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Kommentare

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lovethepictures

vor 12 Jahren

Der Film über Accordion Tribe beginnt etwas unvermittelt, ja der Zuhörer wird in diese Musik hineingestossen: das ist auch gut so, denn auf das erste Hinhören wird Akkordionmusik nicht jedem zusagen. Ja so etwas altmodisches, Quetschkomodenmusik!
Der Film und besonders die Musik belehren aber einen sehr schnell etwas ganz anderes. Ein amerikanischen Akordionmusiker spricht bei einem Akkordionfestival in Belgien vier weitere Musiker an. Die fünf üben ein paar Tage, spielen sich ein und gehen dann auf Tournee. Jeder der Spieler bringt sich ein mit seinem Stil, von seinem Land und seinem musikalischen Hintergrund geprägt ist. So entsteht eine moderne gefühlvolle, nämlich aus dem Bauch heraus gespielte, Akkordionmusik die sich vieler Stilelemente bedient. Der Film zeigt Ausschnitte aus dieser ersten Tournee der Accordion Tribe. Ja, zugegebenermassen es sind aneinandergereihte Sequenzen, aber welcher Film, welche Musik ist das nicht? Eine intelektuelle Herausforderung ist der Film nicht. Will und muss er auch gar nicht sein. Es ist schliesslich ein Musikfilm der durch die Musiker und noch mehr duch seine Musik wirkt. So nach und nach, Musikstück nach Musikstück, entwickelt sich die Entstehungsgeschichte der Accordion Tribe, wobei für jeden der fünf so phantastisch Akkordion-spielenden Mitglieder ein sehr individuelles Portrait gezeichnet wird und ihre Interaktionen mit den jeweils anderen Mitgliedern dargestellt wird. Otto Lechner wird wohl wohl aufgrund der Tasache, dass er eine deutsche Muttersprache spricht, etwas zeitlich bevorzugt. Der Zuseher-hörer wird somit behutsam nach und nach an diese Musik herangeführt und lernt die verschieden Musikstücke und Stilrichtungen, die in die Musik von Accordion Tribe einfließen und ihren so wundervollen einzigartigen Sound ausmachen zu verstehen. Die Akkordionmusik selber besteht aus Stilelementen von jazz bis hin zu Volksmusik aus verschiedensten Teilen der Welt, ist von den fünf Musikern selber komponiert und mit vielen rhythmischen Wechselfällen und melodischen Überraschungen gewürzt. Technisch ist die Musik von Accordion Tribe sehr anspruchsvoll zu spielen. Für Accordion Tribe steht aber Spieltechnik nicht im Vordergrund, ja sie ist kaum merklich, so leicht fliegen die Finger bei dieversen Läufe und "breaks" über die Tasten oder Knöpfe hinweg. Akkordion Tribe ist eine Musik, die aus den den inneren Emotionen gespielt wird und so auch gehört werden sollte.
Zusammenfassend ist "Accordion Tribe" ein Dokumentarfilm, ein music motion picture, über moderne Akkordionmusik die von fünf Musikern komponiert und gespielt wird und die einen unverwechselbaren modernen Sound der Akkordionmusik geschaffen haben.Mehr anzeigen


chaschper

vor 15 Jahren

Etwas konzeptlose Aufreihung, aber nah an Menschen und Musik


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