Echte Frauen haben Kurven USA 2003 – 90min.

Filmkritik

Wir sind rund, na und?

Filmkritik: Eduard Ulrich

Die junge Latina Ana ist rund, und sie fühlt sich wohl dabei. Doch mit ihrer Mutter streitet sie sich nicht nur darum, wieviele Pfunde genug sind, sondern vor allem um ihre Zukunft. Eine warme Komödie um eine eigensinnige junge Frau.

Wird es die sympathische Ana schaffen, die Fesseln ihrer nach Los Angeles eingewanderten, lateinamerikanischen Familie abzustreifen und die Ausbildung an der Universität fortzusetzen? Oder wird sie in der Schneiderei ihrer Schwester bis zum Umfallen krampfen? Den Zuschauern am Sundance Filmfestival 2002 war eine Antwort auf diese Frage den Publikumspreis wert.

Grün und leinwandfüllend schimmert das Wasser - die Lebensampel steht auf Hoffnung. Gerade hat Ana (sympathisch und natürlich: America Ferrera) den letzten High-School-Tag hinter sich gebracht, doch als die SchülerInnen von ihren Ausbildungsplänen erzählen, erkennt man Anas Dilemma: Sie weiß, was sie will, aber sie weiß auch, dass ihre Eltern etwas ganz anderes wollen. Die Familie ist aus Südamerika nach Los Angeles eingewandert, spricht eher Spanisch als Englisch und ihr Aussehen verrät ihre teils indigene Abstammung - keine optimalen Voraussetzungen, sich zu integrieren.

Estela, Anas ältere Schwester, führt eine Schneiderei mit Hilfe der eigenen und befreundeter Familien. Zu unpünktlich gezahlten Hungerlöhnen, unter schwierigen Arbeitsbedingungen und hohem Termindruck wird für Trend-Boutiquen hochwertige Kleidung hergestellt. Anas Mutter (Lupe Ontiveros) möchte einerseits, dass die Schneiderei floriert, andererseits wünscht sie sich für ihre beiden Töchter Ehemänner und damit endlich Enkelkinder. Und sie ist überzeugt, dass Ana ein paar Pfunde ablegen sollte, um diesem Zeil näher zu kommen. Doch Ana fühlt sich eigensinnig wohl in ihrer Haut und überzeugt auch die Schneiderinnen, dass ihnen ihre Kurven gut stehen - auch wenn sie die Kleider, die sie nähen, nie tragen könnten.

Mama tut aber alles fürs vermeintliche Familienglück - vor allem ihrem animistisch-christlichen Glaubensmischmasch huldigen. Allerdings haben ihre Götter bei Estela versagt. So konzentriert sie sich ganz auf Ana und man darf gespannt sein, was ihr alles einfällt, Ana davon abzuhalten, sich um ein College-Stipendium zu bewerben und es allenfalls anzunehmen. Da hilft Ana auch die Fürsprache ihres Lehrers wenig, obwohl ihr Vater nur zu gern bereit wäre, ihr den Sprung aufs College zu ermöglichen - fürchtete er nicht um den Familienfrieden. Als ein wohlhabender Klassenkamerad Ana den Hof macht, setzt Ana geschickt ihren Großvater als Joker ein.

Für Unterhaltung ist also gesorgt in dieser Ethno-Semidoku aus dem Latino-Milieu der US-Westküste. Vielleicht trifft die etwas brav erzählte und wenig überraschende Geschichte nicht ganz den Nerv des Publikums im aufgeklärten, industrialisierten Mitteleuropa. Die ruhige Erzählweise lässt aber Raum für Alltagsgeschehen und südamerikanisch inspirierte Musik. Abgesehen von einer Szene darf man dem ersten Regiewerk von Patricia Cardoso bescheinigen, nie den Normalpegel überschritten zu haben und - besonders angenehm - für einmal gewaltfreie Unterhaltung zu liefern.

14.05.2013

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Kommentare

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Gelöschter Nutzer

vor 12 Jahren

Der Titel sollte wohl als Publikumsmagnet wirken und es gibt auch tatsächlich eine Szene, die das Thema anschaulich verdeutlicht. Aber eigentlich geht es – und das macht 80% des Films aus – um die Selbstfindung eines Teenagers in der Pubertät, erste sexuelle Erfahrung, die Arbeit in der Textilfabrik der Schwester und das Verlassen des elterlichen Nestes. Es stellt sich die Frage, ob bei einem Studium eines Mitgliedes der ganze Familienverband auseinander bricht.
America Ferrera spielt überzeugend dieses kluge Moppelchen, das sich dann doch durchringt mit einem Stipendium aufs College zu gehen. Wie gesagt: nicht schlecht, aber Thema verfehlt.Mehr anzeigen


whynot

vor 17 Jahren

Auch wenn die vom Film erzählte Geschichte an ein paar Ecken und Enden noch etwas abgerundeter sein könnte (z. B. beim Ende), alles in allem ein extrem herzlicher und sehr gut gelungener Film! Kann ich nur empfehlen.


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