CH.FILM

Hirtenreise ins dritte Jahrtausend Schweiz 2002 – 124min.

Filmkritik

Bezirzende Ziegenböcke und geduldige Menschen

Filmkritik: Eduard Ulrich

Wieder ein Dok-Film, der sich mit einer archaischen Praxis befasst, mögen manche denken, wenn sie erfahren, dass Erich Langjahrs Abschluss seiner Trilogie (Sennenballade, Bauernsterben) vom Hirtentum in der Schweiz handelt. Aber schon das erste Bild führt uns ein Grundthema vor Augen: Die Probleme des Aufeinandertreffens der traditionellen Art, Schafe zu hüten, und des modernen Lebens, dessen technische Einrichtungen um den selben Lebensraum konkurrieren.

Niemanden wundert es, dass dabei die Schafe, Ziegen und ihre Hirten das Nachsehen haben, dass Straßen, Verkehr und Felder ihre Wege stark einengen. Sieben Jahre lang hat Erich Langjahr seine Hirten mit der Kamera durchs Leben begleitet, sie nach ihren Motiven filmisch und verbal befragt und wichtige Momente in ihrem privaten und beruflichen Leben natürlich präsentiert.

So wächst uns ein junger Tessiner Schafhirt ans Herz, der zu Beginn des Films Nachwuchs in seiner Menschenfamilie erwartet. Am Ende geniesst seine Tochter als siebenjähriges Mädchen im Planschbecken mit ihren Geschwistern den Sommer.Trotzdem ist der Film weit davon entfernt, eine Idylle zu schildern. Schafe und Ziegen sind ein wirtschaftliches Gut und ihre Hirten nur in den seltensten Fällen auch die Eigentümer. Man kann den Zwiespalt mitfühlen, in den ein Hirte gerät, der vom Eigentümer der Herde zu ökonomischer Optimierung gezwungen wird, während er für Lebewesen verantwortlich ist, mit denen er vertraut ist und deren Bedürfnisse er kennt. Erfreulicherweise verzichtet Langjahr auf langfädige, verbale Erklärungen. Er lässt die Hirten auch in Befragungen, zum Beispiel durch eine Schulklasse, unverstellt selbst zu Wort kommen und vertraut auf seine wunderbar gefilmten Bilder.

Im Verbund mit der originellen Filmmusik fesseln diese schnell. Zwar sind die Einstellungen ruhig, die Sujets bieten aber immer wieder Perlen visuell reizvoller Abläufe wie das Springen der Schafe über einen Kanal, eine Herde als sich bewegende Steine in der Ferne auf der Alp oder die Schafschur. Neben den Tieren kommen auch die Hirten und ihre Frauen in oft amüsanten und eigenwilligen Schilderungen zu Wort, die uns verstehen lassen, was sie an dieser Art zu leben so schätzen oder warum sie diesen Beruf ergriffen haben. Wir erleben eine wohl für die meisten unbekannte Welt, die sich mit der technischen und zivilisatorischen Entwicklung permanent transformiert. Dabei nutzt sie einerseits Errungenschaften wie Plastik, Metall, Lastwagen und Helikopter, andererseits ist sie durch die Biologie der Tiere und die jahreszeitlichen und klimatischen Bedingungen gebunden.

Vielleicht ist der traurig-sehnsüchtige, ungläubige Blick, den uns ein Schaf aus dem Camion auf dem Weg zum Schlachthaus zuwirft, ein Symbol für die Diskrepanz zwischen der Anpassungsfähigkeit des Menschen, seinen starken Eingriffen in die Natur und der Unfähigkeit der Tiere zu verstehen, was mit ihnen geschieht, oder es wenigstens zu ertragen.

25.05.2021

3

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Kommentare

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nono

vor 21 Jahren

Unbekannte Arbeit näher gebracht


lukaskenel

vor 21 Jahren

aus prinzip, weils von einem Baarer ist :-)


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