Le fate ignoranti Frankreich, Italien 2001 – 105min.

Le fate ignoranti

Filmkritik

Welten und Gegenwelten

Filmkritik: Senta van de Weetering

Bereits in "Hamam”, dem vorletzten Film von Ferzan Ozpetek – Italiener türkischer Abstammung –, entdeckt eine mit ihrem Leben eigentlich zufriedene Figur eine neue Welt und Bedürfnisse, von denen sie bis anhin nichts gewusst hat. Dort reist der Protagonist zu diesem Zweck von Rom nach Istanbul. Diesmal findet die Heldin, die soeben verwitwete Ärztin Antonia (Margherita Buy), die Gegenwelt zu ihrem gutbürgerlichen Dasein in Rom selber – ausgerechnet bei dem Geliebten ihres verstorbenen Mannes.

"Le fate ignoranti” - 'die unwissende Fee' - ist die Widmung auf der Rückseite eines Bildes, das Antonia im Büro ihres toten Mannes findet. Die Sätze davor lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Liebesgabe handelt. Da rafft Antonia sich aus der Lethargie auf, in die sie sich nach dem Tod ihres Mannes hat fallen lassen, und geht der geheimnisvollen Fee nach. Sie braucht eine Weile, bis sie begreift, dass es sich dabei um einen Mann handelt.

Ein harmonischer Kreis

Michele, der Geliebte, (Stefano Accorsi) hat einen Kreis von Männern und Frauen um sich versammelt, die sonst in Rom heimatlos wären. Ein aidskranker Freund lebt in seiner Wohnung; die türkische Nachbarin ist, so erfährt man nebenbei, in ihrer Heimat von einem Polizisten misshandelt worden; im Dorf von Veronica weiss niemand, dass aus dem jungen Mann mittlerweile eine schöne Frau geworden ist. Sie alle scheinen durch gegenseitige Zuneigung und Fürsorge mit einander verbunden. Die Harmonie, die dort trotz ständiger Sticheleien herrscht, wäre wahrscheinlich auch schon an der Grenze des Erträglichen ohne die Musik, die sich immer wieder in den Vordergrund drängt. Durch die pathetischen Klänge jedoch werden einige Szenen vollends in Richtung Friede-Freude-Eierkuchen-Kitsch abgedrängt.

Nachvollziehbare Entwicklungen

Das ist schade, denn Ozpetek zeichnet seine Figuren und ihre Entwicklungen sehr sorgfältig. Man glaubt Antonias Verunsicherung, wenn sie feststellt, dass ihr Mann sich möglicherweise bei seinem Geliebten mehr daheim gefühlt hat als in der gemeinsamen Villa. Micheles nachträgliche Eifersucht und Wut über die Frau, die es wagt, in sein Leben zu treten, ist genauso nachvollziehbar wie die aufkeimende Zuneigung.

Angekündigte Doppelbödigkeiten

Der Film beginnt im Museum. Eine Frau im Abendkleid geht von Statue zu Statue. Ein Mann folgt ihr, immer aufdringlicher, macht sie schliesslich an. Sie weist ihn zurück, bis sich ein Dialog entwickelt, aus dem hervorgeht, dass es der Ehemann ist, auf den sie seit gut einer Stunde wartet. - "Nichts ist, wie es scheint", so die überdeutliche Botschaft. Zu genau dieser Einsicht kommt Antonia, als sie Michele kennenlernt. Dies geschieht im ersten Viertel des Films, und von diesem Moment an entschwindet die versprochene Doppelbödigkeit sang- und klanglos aus dem Film.

Verzicht auf Polemik

Dass sich Ozpetek wenig Brüche erlauben kann, wenn es um Michele und seine "Familie" geht, liegt daran, dass er Polemik beiseite lässt: Bis zum Tod ihres Mannes war Antonia zufrieden mit ihrem Leben. Zwar hat die Ärztin ihrem Mann zuliebe auf eine Spezialisierung verzichtet, doch scheint ihre Mutter mehr darunter zu leiden als sie. Ihr gefällt das Leben in der römischen Vorortsvilla, ihre Ehe entspricht ihren Wünschen. Ozpetek verzichtet darauf, Micheles Welt durch eine Gegenüberstellung zu einer gutbürgerlich-spiessigen Welt heller strahlen zu lassen. Sie strahlt aus sich selbst, muss dafür jedoch so hell gezeichnet werden, dass die nicht geringen Probleme in Micheles selbstgeschaffener Familie – Aids, Misshandlung, Geschlechtsumwandlung – in diesem Lichtbad unterzugehen drohen.

17.10.2001

3

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Kommentare

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lukibuume

vor 16 Jahren

Farbig inszenierter Film


amade

vor 16 Jahren

italienisch/schwul/männlich... witzig und böse gleichzeitig


deepmind

vor 16 Jahren

Geniales Gefühlskino


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