Illuminata Japan, Spanien, USA 1998 – 113min.

Filmkritik

Hinter die Bühne geblickt

Serge Zehnder
Filmkritik: Serge Zehnder

Alteingesessene Theatertruppen versuchen oft eine Familie zu sein, um den Zusammenhalt zu verstärken. Gelingt dies nicht, wird Familienatmosphäre gespielt, oder man verzichtet gleich auf sämtliche Umgangsformen und spielt nur noch. Schauspieler John Turturros zweite Regiearbeit "Iluminata" beschäftigt sich mit den Grenzen, die das Leben vom Spiel trennen, und stellt fest, dass diese nicht wirklich existieren.

New York um die Jahrhundertwende: Tuccio (John Turturro) und Rachel (Katherine Borowitz), Autor und Hauptdarstellerin des Astergourd Theaterensembles, proben für Tuccios neustes Stück "Illuminata". Ein Liebesdrama, das wegen seiner Halbfertigkeit auf der emotionalen Ebene aneckt. Ein klarer Schluss sei nicht vorhanden, weshalb die Theaterbesitzer Madame Astorgourd (Beverly D'Angelo) und Mr. Pallenchio (Donal McCann) das Stück nicht produzieren wollen. Tuccio ist empört und fühlt sich unverstanden, zumal Rachel sich gegenüber den Produzenten kompromissbereit gibt, um "Illuminata" wenigstens eine kleine Chance zu geben. Was folgt ist eine turbulente, von Liebe und Begierde angetriebene Reise in das Leben auf den 'Brettern der Welt'. Intrigen, Liebschaften, Leben und Tod bestimmen den hier gezeigten Kreislauf, und stets wirkt alles ein bisschen echter und ein bisschen grösser als das wahre Leben.

Die im Titel erwähnte "Erleuchtung" bezieht sich indes nicht so sehr auf eine philosophische Haltung, sondern auf die Definition der eigenen Realität, oder den Verlust derselben. Der Schauspieler spielt eine Rolle, aber ist er nur der Schauspieler, der eine Rolle spielt, oder fliesst aus der dargestellten Figur mehr und mehr ins eigentliche Leben ein? Diese Überschneidungen sorgen sowohl für Dramatik wie auch Humor. Oft sind wir derart verloren in unserem Leben, dass unsere spontan erdachten Sätze nicht mehr ausreichen, und wir auf die Literatur zurückgreifen müssen. Wie verhängnisvoll und gleichzeitig befreiend das Zitieren sein kann zeigt "Illuminata" in einer Reihe von rührenden Szenen, welche die Liebe zwischen Tuccio und Rachel veranschaulichen. Die Sätze wirken geschrieben, doch die Bedeutung ist unmissverständlich.

Turturro der Schauspieler, wie auch Turturro der Regisseur haben sich Brandon Cole's Theaterstück bis ins Kleinste verschrieben, weshalb das Einzige was man diesem wunderschönen Film über die menschliche Fehlbarkeit vorwerfen könnte, dass er zu perfekt geraten sei.

Das Ensemble von Ben Gazzara über Christopher Walken bis hin zu Georgina Cates und Rufus Sewell besteht aus Schauspielern im Gegensatz zu Stars. Abgesehen von Susan Sarandon, die der Produktion etwas Glamour verleiht, und bezeichnenderweise eine Diva spielt, lebt "Illuminata" von den Leistungen vorwiegend unbekannter Gesichter, die den Zuschauer unvoreingenommen in diese magische, von Kameramann Harris Savides zuweilen hyperreal fotografierte Welt, einführen.

Eine klare Geschichte existiert nicht. Turturro verweigert dem Zuschauer eine konventionelle Struktur, und zwingt ihn, hinter das stellenweise theatralische Agieren der Schauspieler zu sehen. Was ein nicht ganz einfaches Unterfangen ist, aber bis zuletzt fasziniert.

31.05.2021

4

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