Laissez bronzer les cadavres! Belgien, Frankreich 2017 – 92min.

Laissez bronzer les cadavres!

Filmkritik

Ein Blutbad bei Sonne und Meer

Filmkritik: Max Wild

Mit dem französisch-belgischen Thriller „Laissez bronzer les cadavres“ auf der Piazza Grande wurde das Publikum zum Ende des dritten Tages des Filmfestivals in Locarno mit einem krachenden Kugelhagel taumelnd nach Hause geschickt.

Der Plot ist so einfach wie verschachtelt: In einer bröckelnden Ruine am Mittelmeer lebt der abgehalfterte Schriftsteller Bernier zusammen mit seiner anrüchigen und leicht unzurechnungsfähigen Muse Luce (Elina Löwensohn) ein Bohème-Leben abseits des bürgerlichen Rummels. Hier wollen sich jetzt auch Rhino (Stephane Ferrara) und seine Waffenbrüder verstecken, nachdem sie bei einem Überfall auf einen Transporter 250 kg Gold erbeutet haben. Auf ihrer Flucht begegnet ihnen Berniers Ex-Frau mit ihrem Sohn und seiner Nanny. In einem Anflug von Empathie nehmen sie die drei Anhalter mit zu Bernier. Dort angekommen, verrät dessen Verflossene, dass sie ihren Sohn entführt hat. Als aus eben diesem Grund kurz darauf zwei Gendarmen auf Motorrädern den Ort des Geschehens betreten, ist das Ensemble beisammen.

Was dann folgt, ist ein einziger, schiesswütiger Showdown. Dabei kommt es zu temporären Zwecks-Allianzen zwischen den Protagonisten, alles unterlegt mit Rückblenden orgienartiger Rituale von Luce und Bernier. Um den Zuschauer noch halbwegs bei Stange zu halten, haben das Regieduo Helene Cattet und Bruno Forzani das Geschehen, das sich binnen diesen absurden 24 Stunden abspielt, fragmentarisch in kurze Kapitel mit präzisen Zeitangaben unterteilt. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von 1971, haben die beiden auf Korsika eine so akribisch stilisierte Retro-Bildwelt kreiert, dass man über kleinere Ungereimtheiten in der Handlung getrost hinwegsehen lassen – Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, fehlt ohnehin auf dieser dröhnenden Achterbahnfahrt.

Die sprunghaften Wechsel in Zeit und Erzählperspektive, die westernähnliche Bühne sowie Szenen im Negativfilm erinnern an die stilbildenden Werke von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino. Nicht minder ist aber die Handschrift der in Brüssel lebenden Filmemacher zu erkennen, die mit beinahe über-ästhetisierten Sequenzen eine hypnotische Wirkung erzielen und dem Film einen kontrastreichen Anstrich verpassen. „Laissez bronzer les cadavres“ ist ein Werk mit Ecken und Kanten, das vielleicht nicht alle Zuschauer auf der Piazza Grande glücklich machte, aber mit Sicherheit niemanden gleichgültig zurückliess.

Der Autor ist Teil der Critics Academy des Locarno Festival 2017.

07.08.2017

4

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