Interview16. Mai 2023

Interview: Maïwenn über «Jeanne du Barry»: «Ich wollte diese Ungerechtigkeiten herausschreien»

Interview: Maïwenn über «Jeanne du Barry»: «Ich wollte diese Ungerechtigkeiten herausschreien»
© Frenetic Films AG

Anlässlich der Eröffnung der Filmfestspiele von Cannes mit ihrem Film «Jeanne du Barry» haben sich Maïwenn und das Filmteam in einem Interview ausgetauscht. Interview mit einer Filmemacherin, die sich selbst als frei und instinktiv bezeichnet.

Das Gespräch wurde von Marine Guillain in Paris geführt

Bei einem Besuch einiger ausgewählter Journalisten in einem Sternerestaurant im Herzen des Schlosses von Versailles sprach Maïwenn über die Dreharbeiten zu ihrem neuesten Film «Jeanne du Barry» und ihre tiefe Verbundenheit mit dieser Geschichte. Auch Pierre Richard, Melvil Poupaud und Benjamin Lavernhe waren zu Gast und schilderten uns ihre Eindrücke.

Der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes, «Jeanne du Barry», ist ein ambitionierter Epochenfilm, der den Aufstieg und Fall von Jeanne erzählt, die von einer Kurtisane zur Favoritin des Königs Ludwig XV. wurde. Die Regisseurin Maïwenn («Le bal des actrices», «Mon roi», «ADN») wollte unbedingt die Geschichte dieser jungen Frau erzählen und sie verkörpern, weil sie sich, sobald sie diese Figur entdeckt hatte (durch den Film «Marie Antoinette», Anm. d. Red.), mit ihr verbunden fühlte.

«Wie sie hatte ich das Gefühl, meine soziale Klasse zu verleugnen, solche Probleme gibt es immer bei Überläufern, es gab diese Zweiteilung zwischen dem Milieu, aus dem ich kam, und dem, in dem ich lebte. Ich fühlte mich hilflos, das hing auch damit zusammen, dass ich die Schule sehr früh verlassen habe, doch dann rettete mich meine Neugier und die Kultur». Maïwenn erwähnt auch die Liebesgeschichte zwischen Jeanne und dem König und bezieht sich damit auf das, was sie selbst erlebt hat, als sie im Alter von 16 Jahren Luc Besson heiratete: «Eine junge Frau, die sich in einen mächtigen Mann verliebt, wird immer als eine selbstsüchtige Person, die dem Geld nachläuft, verunglimpft werden. Ich wollte diese Ungerechtigkeiten herausschreien. Ich bin davon überzeugt, dass ich diese Frau in meinem tiefsten Inneren kenne, sowohl in ihren schönsten als auch in ihren dunkelsten Seiten».

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Im Gegensatz zu ihren früheren Filmen liess die Regisseurin dieses Mal wenig Raum für Improvisationen: «Das war manchmal frustrierend, denn wenn die Schauspieler ihren Text zu genau vortrugen, hatte ich Angst, die Spontaneität zu verpassen und mich der Zufälle zu berauben, die in einer Situation manchmal für Momente der Schönheit sorgen». Die Darstellenden waren sie sich einig, dass die Filmemacherin «anspruchsvoll» ist, sich aber auch traut, auf sich selbst zu hören, Dinge auszuprobieren und sich Freiheiten zu nehmen. So kam es, dass die Drehtage oft länger dauerten und später endeten als geplant.

«Es war anstrengend, aber spannend», bestätigt Pierre Richard, der den Herzog von Richelieu verkörpert. «In Frankreich werden nicht viele solcher Filme gemacht und es ist ein Privileg, dabei sein zu dürfen.» «Maïwenn hat eine sehr instinktive Sensibilität, sie nimmt sich Zeit, wenn ihr etwas nicht passt, und bezieht alle mit ein. Sie ist sehr frei», ergänzt Benjamin Lavernhe, der den Berater des Königs spielt. Melvil Poupaud stimmt zu: «Maïwenn ist ein starker Charakter, es ist schwer, ihr zu widerstehen, sie hat keine Probleme mit ihren Wünschen und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wird sie alles tun, damit es passiert. Man muss flexibel und sehr zugänglich sein. Sie verlangt nach Anmut, nach etwas, das sie überrascht. Man braucht viel Entschlossenheit, um ihre Vision umzusetzen».

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Poupaud, der im Film den Grafen von Barry spielt, fährt begeistert fort: «Sie hatte freie Hand, sie hat alles entschieden und sogar Johnny Depp folgte ihrem Kommando, das hat mich beeindruckt! Am ersten Drehtag machte er sein Ding, vergass seinen Text und Maïwenn rannte ihm hinterher und sagte: "Nein, nein, nein, komm zurück!».

Es gab auch eine Reihe von Kommentaren zur Besetzung von Johnny Depp. Diese Wahl wurde vielfach kritisiert, zum einen, weil er Amerikaner ist, zum anderen wegen der Kontroverse um seine Gerichtsverfahren gegen seine Ex Amber Heard. Pierre Richard versichert: «Er ist durch seine blosse Anwesenheit präsent, noch bevor er ein Wort sagt. Ob er Amerikaner ist oder nicht, ist mir egal! Er ist einfach gut». Benjamin Lavernhe fügt hinzu: «Abgesehen davon, dass er sehr warmherzig und zugänglich ist, passiert etwas Magisches, wenn er auf der Leinwand ist, er hat ein erstaunliches Charisma. Maïwenn wollte jemanden, bei dem sich alle umdrehen, wenn er den Raum betritt, und bei ihm war es so. Es amüsiert mich, dass sich die Haare der Konservativen sträuben, die sagen, dass man einen französischen König nicht von einem Amerikaner spielen lassen kann. Genau hier hat Maïwenn eine Freiheit und eine Art Respektlosigkeit jenseits der Regeln. Wie Jeanne verstört sie ebenso sehr wie sie fasziniert». Für Melvil Poupaud ist dies eine der besten Rollen von Johnny Depp seit sehr langer Zeit.

Maïwenn erklärt ihrerseits, dass sie sich zunächst an französische Schauspieler gewandt habe (die die Rolle ablehnten), bevor sie es mit Johnny Depp versuchte, da sie sich nie vorstellen konnte, dass es klappen würde. Selbst als der Schauspieler zusagte, war die Regisseurin überzeugt, dass er seine Meinung im letzten Moment ändern würde, als sein Prozess immer näher rückte und die öffentliche Debatte immer lauter wurde. «Für mich ist das eine Liebesgeschichte, die schief gelaufen ist. Es ist sein Privatleben, da wäre es nicht fair, sich als Ankläger zu positionieren. Bei den Dreharbeiten hatte ich mit kulturellen Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten mit ihm zu kämpfen, aber das ist nicht immer kontraproduktiv und bedeutet nicht, dass wir uns nicht mögen. Im Gegenteil, wir haben eine echte Affinität zu Johnny».

In Bezug auf das Festivalprogramm in Cannes erzählt die Filmemacherin, dass Thierry Frémaux, der Festivaldirektor, ihr geraten hat, sich bei einigen Einstellungen mehr Zeit zu lassen: «Die Version, die er gesehen hat, war kürzer. Er hat mir gesagt, dass ich sie verlängern sollte, und mich in meiner Vorstellung von einem Film mit langen Einstellungen bestärkt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Länge, also hatte ich gekürzt, aber ich hatte ja gefilmt und die Aufnahmen existierten, also konnte ich sie ändern! Ich habe also einige Passagen verlängert, vor allem die Einführungsszene.»

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