Artikel5. Januar 2023

Katastrophen auf dem Bildschirm: Industrieunfälle im Film

Katastrophen auf dem Bildschirm: Industrieunfälle im Film
© Netflix

Wenn ein Unglück in unseren geordneten Alltag einbricht, stehen wir Menschen oft fassungslos da, wissen nicht, was wir sagen oder tun sollen. Aus der Ohnmacht, der Trauer erwächst mitunter aber auch ein ungewöhnlicher Kampfgeist. Ein Überlebenswille, den wir uns vorher gar nicht zugetraut hätten. Vor allem davon erzählen viele Filme und Serien, in denen Katastrophen eine zentrale Rolle spielen. Den Netflix-Start von Noah Baumbachs Romanverfilmung «Weisses Rauschen» wollen wir nutzen, um den Fokus auf reale und fiktive Industrieunfälle zu richten, die Filmschaffende für die grosse Leinwand oder den kleinen Bildschirm aufbereitet haben.

Ein Artikel von Christopher Diekhaus

«Weisses Rauschen» (2022): Katastrophe als Beschleuniger der Todesangst

Noah Baumbachs auf Don DeLillos gleichnamigem Roman basierende Regiearbeit, die im Sommer 2022 in Venedig ihre Weltpremiere feierte, ist schwer zu greifen, bewegt sich zwischen unterschiedlichen Genres und wechselt ständig ihre Tonlage. Sicher sagen lässt sich aber, dass ein fulminant inszenierter Zusammenstoss zwischen einem mit Chemikalien beladenen Zug und einem Lastwagen aus dem Geschehen heraussticht. Nicht nur spitzt sich durch dieses Ereignis die Angst vor dem Tod, die unseren Protagonisten Jack (Adam Driver) und Babette (Greta Gerwig) schon vorher zu schaffen macht, spürbar zu.

Die nach dem Unfall durch ihre Kleinstadt wabernde, mysteriöse, offenbar toxische Wolke sorgt auch für eine panikartige Fluchtbewegung, bei der man irgendwie an die Anfangszeit der Corona-Pandemie denken muss. Das teilweise irrationale Verhalten der Menschen und die seltsam vage bleibenden Ansagen der Behörden bescheren uns auf jeden Fall einige herrlich absurde Momente. Wen die Katastrophenfilme Hollywoods mit ihren stets gleichen Mustern bislang angeödet haben, findet in «Weisses Rauschen» eine wunderbar unkonventionelle Alternative.

Verfügbar auf Netflix

«Die Wolke» (2006): Teenagerromanze im Super-GAU

Auch Gregor Schnitzlers «Die Wolke» geht auf einen Roman zurück. Die Adaption der gleichnamigen Vorlage von Gudrun Pausewang handelt von einem Störfall in einem fiktiven deutschen Atomkraftwerk, durch den eine radioaktive Wolke freigesetzt wird. Das so heraufbeschworene Katastrophenszenario, das sich, den Genreregeln folgend, in hektischen Fluchtpassagen und Massenpanik konkretisiert, verbindet der Film mit den Befindlichkeiten der jugendlichen Protagonistin Hannah (Paula Kalenberg).

Kurz vor dem Alarm wegen des Unglücks hat sie ihren Mitschüler Elmar (Franz Dinda) geküsst, den sie inmitten des Chaos zu finden versucht. Sonderlich originell oder raffiniert ist das Ganze natürlich nicht. «Die Wolke» nimmt sich aber durchaus Zeit, um uns in die Welt der Hauptfigur, ihre Sehnsüchte, Sorgen und Ängste einzuführen. Auf diese Weise fällt es später leichter, im Angesicht des Desasters mit ihr mitzufiebern.

Verfügbar auf On Demand bei Apple TV

«Unstoppable» (2010): Haltet den Zug an!

Basierend auf einem wahren Fall, dreht sich in Tony Scotts letzter Regiearbeit alles um einen mit hochgefährlichen Chemikalien beladenen Güterzug, der unbemannt durch ein stark besiedeltes Gebiet rast. Der erfahrene Lokführer Frank (Denzel Washington) und sein junger Kollege Will (Chris Pine) machen sich auf, die rollende Bombe abzubremsen.

Als einziges Werk in dieser Liste erzählt «Unstoppable» davon, wie eine sich anbahnende Katastrophe verhindert werden soll. Inszeniert wird dies als schnörkelloser Actionthriller, der, getragen von guten Hauptdarstellern, die Spannungsschraube unnachgiebig anzieht und den Zuschauer mit seiner permanenten Bewegungsenergie fast nie zum Luftholen kommen lässt.

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«Elysium» (2013): Verseucht und wild entschlossen

In Neill Blomkamps zweitem Spielfilm steht die Katastrophe zwar nicht im Zentrum, ist aber sehr wohl die treibende Kraft für die Handlungen des Protagonisten: Wie viele andere Menschen auch kämpft der vorbestrafte Fabrikarbeiter Max (Matt Damon) im Jahr 2154 auf der verdreckten und heillos überbevölkerten Erde ums Überleben. Als er bei einem Unfall im Job radioaktiv verseucht wird und erfährt, dass er dem Tod geweiht ist, will er die von den Superreichen bewohnte paradiesische Raumstation Elysium infiltrieren, wo er Heilung finden könnte.

Der Science-Fiction-Actionfilm besticht durch ein aufregendes Set-Design und eine tolle Optik. Erzählerisch holt Blomkamp jedoch bei weitem nicht alles aus seiner Prämisse heraus. Reizvoll ist es dennoch, wie gesellschaftliche Probleme der Gegenwart – etwa die Kluft zwischen Arm und Reich und der Umgang mit Geflüchteten – in ein Blockbuster-Konzept eingebettet werden.

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Verfügbar auf Netflix

«Deepwater Horizon» (2016): Inferno auf dem Meer

In «Deepwater Horizon» nimmt sich Actionspezialist Peter Berg das verheerende Unglück auf der gleichnamigen Bohrinsel vor, das sich am 20. April 2010 im Golf von Mexiko ereignete und zu einer gewaltigen Ölpest führte. Im Zentrum der Rekonstruktion steht der Cheftechniker Mike (Mark Wahlberg), der sich auf der Plattform befindet, als sie nach mehreren Explosionen in Brand gerät. Die Fronten des Films – hier die aufrichtigen, vor Gefahren warnenden Arbeiter, dort der Druck machende Manager der Erdölfirma BP (John Malkovich) – sind deutlich abgesteckt.

Und wie so oft in seinem Schaffen kann der Regisseur auf pathetische Gesten nicht verzichten. Als an die Nieren gehendes, den Zuschauer mit taumelnden Handkamerabildern und wuchtiger Soundkulisse in das Inferno hineinziehendes Katastrophendrama ist «Deepwater Horizon» aber ungemein effektiv.

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Verfügbar on Demand bei AppleTV

«Chernobyl» (2019): Der schlimmste Supergau

Tschernobyl – verbunden mit dem Namen dieses ehemaligen Kernkraftwerks im Norden der Ukraine ist eine der wohl schlimmsten Industriekatastrophen in der Geschichte der Menschheit. Am 26. April 1986 wurde einer der vier Reaktorblöcke durch Explosionen zerstört, sodass radioaktives Material in die Atmosphäre gelangte und ganze Landstriche verseuchte. Die von Craig Mazin entwickelte fünfteilige Miniserie «Chernobyl» versucht sich an einer Aufarbeitung der Geschehnisse und nimmt dafür unterschiedliche Perspektiven ein, wobei reale Personen und fiktive Figuren auftauchen.

Trotz mancher dramaturgischer Freiheiten beeindruckt die Sorgfalt, die der Schöpfer in seinen Drehbüchern walten lässt. Von Johan Renck bestechend in Szene gesetzt, erzeugt die vielfach preisgekrönte Produktion ein durchdringendes Klima der Beklemmung und beleuchtet kritisch die Frage, wie Politik und Wissenschaft mit dem Unglück umgegangen sind. Langer Rede kurzer Sinn: Unbedingt anschauen!

Verfügbar auf Sky

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