Kritik20. März 2020

Netflix-Kritik «Freud»: Mit dem Seelenarzt auf Mördersuche

Netflix-Kritik «Freud»: Mit dem Seelenarzt auf Mördersuche
© Netflix

Die erste Gemeinschaftsarbeit von Netflix und ORF schickt den Vater der Psychoanalyse auf die Spuren eines brutalen Killers und mitten hinein in eine Verschwörung, die in die höchsten Kreise der Österreichisch-Ungarischen Monarchie führt.

Serienkritik von Christopher Diekhaus

Bekannte fiktive Figuren oder reale Menschen in neue Kontexte zu setzen, kann in Film und Fernsehen durchaus ergiebig sein. Bestes Beispiel ist die BBC-Serie «Sherlock», deren Macher den wohl berühmtesten Detektiv der Literaturgeschichte aus seinem ursprünglichen Umfeld lösten und erfolgreich in unsere hochtechnisierte Gegenwart verpflanzten.

Auch die Schöpfer der von Netflix und ORF gemeinsam auf den Weg gebrachten Mystery-Krimiproduktion «Freud» setzen ihren titelgebenden Protagonisten, niemand Geringeren als den Begründer der Psychoanalyse, in einen ungewohnten Bezugsrahmen. Bei ihnen schlittert der noch junge, wenig angesehene Sigmund Freud (Robert Finster) in eine finstere Mordgeschichte, die ihn mehr und mehr zu einer Art Profiler werden lässt.

© Netflix

Im Wien des Jahres 1886 hat es der kokainabhängige Arzt nicht leicht. Viele Kollegen belächeln ihn für seine Überlegungen zum Unbewussten und verspotten seinen Glauben an die Kraft der Hypnose. Ausgerechnet kurz vor einem wichtigen Vortrag, der seinen Theorien endlich die nötige Glaubwürdigkeit verleihen soll, schleppen ihm der von schmerzhaften Kriegserlebnissen gepeinigte Inspektor Alfred Kiss (herrlich charismatisch: Georg Friedrich) und Wachtmeister Poschacher (Christoph F. Krutzler) eine grausam verstümmelte Frau in die Wohnung.

Ihre Verletzungen sind allerdings so schwer, dass sie noch vor Ort verstirbt. Während Kiss trotz anderslautender Anweisung von seinem Vorgesetzten die Spuren des Verbrechens zu seinem alten Armeebekannten Georg von Lichtenberg (Lukas Miko) verfolgt, kommt Freud im Haus des ungarischen Grafenpaares Sophia (Anja Kling) und Viktor von Szápáry (übertrieben affektiert: Philipp Hochmair) in den Genuss einer Séance, bei der das Medium Fleur Salomé (die Schweizerin Ella Rumpf) Verstörendes zu Gesicht bekommt.

«Freud» hat einiges mit «The Alienist – Die Einkreisung» gemeinsam.– Cineman-Kritiker Christopher Diekhaus

Als der verlachte Nervenarzt seine Hypnosefähigkeiten nur wenig später an der jungen Frau erprobt, folgt sie in einer Vision der kleinen Schwester von Sigmunds arrogantem Kollegen Leopold von Schönfeld (Lukas Watzl) in die Unterwelt des Wiener Kanalsystems.

Kenner der ebenfalls bei Netflix verfügbaren Thriller-Serie «The Alienist – Die Einkreisung» dürfte manches an «Freud» vertraut erscheinen. Hier wie dort steht ein wegen seiner fachlichen Ansichten kritisch beäugter Aussenseiter im Mittelpunkt. In beiden Fällen erwarten den Zuschauer sadistische Morde. Und überdies wirken die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe auf die Geschichten ein.

© Netflix

Schon in den ersten drei Folgen, die für die vorliegende Rezension gesichtet wurden, zeichnet sich eine Verschwörung auf höchster Ebene ab, die mit dem Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn zusammenhängt. Unheimlicher als manche der derben, blutigen Verbrechensszenen sind die Bilder der fanatischen Burschenschaftler aus der Armee, die ihre dunklen Geheimnisse mit aller Macht bewahren will. Mehrfach sieht sich der jüdische Freud auch mit den antisemitischen Strömungen seiner Zeit konfrontiert.

Die Ecken und Kanten von Benedict Cumberbatch als Sherlock sucht man hier beinahe vergeblich.– Cineman-Kritiker Christopher Diekhaus

Ähnlich wie die kreativen Köpfe hinter der Romanadaption «The Alienist – Die Einkreisung» versuchen sich die «Freud»-Schöpfer um Marvin Kren («4 Blocks», «Blutgletscher», «Rammbock») an einem bedrohlich brodelnden, mit einer Krimihandlung gewürzten Sittenporträt. In den Bann schlägt ihre Erzählung – zumindest in den Episoden eins bis drei – aber nur bedingt.

Stellenweise wird geschickt mit Horrormotiven gespielt. Einige Passagen produzieren gewiss den gewünschten Nervenkitzel. Ausgerechnet die Hauptfigur wirkt in den ersten Folgen jedoch etwas fad. Die anfangs etablierte Kokainsucht fällt zwischenzeitlich komplett unter den Tisch. Die Tatsache, dass der um Anerkennung ringende Mediziner vor Betrug nicht zurückschreckt, soll ihn als unkonventionellen Charakter kennzeichnen. Aufregende Ecken und Kanten, wie sie der von Benedict Cumberbatch verkörperte Meisterdetektiv in «Sherlock» zeigt, treten allerdings bloss zaghaft zu Tage.

© Netflix

Schade ist überdies, dass die Serie Freuds Konzeptionen und Ideen nur oberflächlich streift. Ab und an werden Stichworte und kurze Erläuterungen in den Raum geworfen. Spürbar mehr Spass haben Kren und seine Mitstreiter aber an den Okkultismus-Elementen. Séancen, Visionen und Albträume werden mithilfe verschwommener Aufnahmen und verzerrter Toneffekte wirkungsvoll in Szene gesetzt, verlieren mit der Zeit jedoch etwas an Reiz.

Ein rettungsloses Abtauchen in das von unheilvollen Klängen begleitete Geschehen wird auch durch die gelegentlich eingestreuten Stadtansichten erschwert. Allzu offensichtlich kommt dieses Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus dem Rechner. Die Künstlichkeit, die nicht zuletzt in einigen gestelzten Dialogen zum Vorschein kommt, reisst den Zuschauer wiederholt aus der düster-funkelnden Illusion heraus.

3 von 5 ★

«Freud» ist ab dem 23. März auf Netflix verfügbar.

Das könnte dich ebenfalls interessieren:

Ist dieser Artikel lesenswert?


Kommentare 0

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung