Kritik7. Dezember 2018

Netflix-Kritik «Dogs of Berlin»: Die nächste Gangsterserie aus der deutschen Hauptstadt

Netflix-Kritik «Dogs of Berlin»: Die nächste Gangsterserie aus der deutschen Hauptstadt
© IMDB

«4 Blocks», «Babylon Berlin» und «Beat» – an düsteren Krimiserien, die in der deutschen Kapitale spielen, mangelt es in letzter Zeit sicher nicht. Ergänzt wird das Portfolio nun um die raue Gangster-und Cop-Erzählung «Dogs of Berlin», hinter welcher der Hollywood-erprobte Filmemacher Christian Alvart steht.

Serienkritik von Christopher Diekhaus

Eher zufällig stösst der aus einer Nazi-Familie stammende Polizist Kurt Grimmer (Felix Kramer) einen Tag vor einem wichtigen Qualifikationsmatch auf die Leiche des deutschen Nationalspielers Orkan Erdem (Cino Djavid) und schafft es durch Einschüchterung der anwesenden Streifenbeamten, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Der gewaltsame Tod des türkischstämmigen Fussballers soll fürs Erste geheim gehalten werden, da seine Mannschaft im Berliner Olympiastadion ausgerechnet auf die Türkei trifft und bei Bekanntwerden der Nachricht ein Überkochen der ohnehin aufgeheizten Stimmung zu befürchten wäre.

Während Kurt sein Wissen nutzen will, um mit einer Wette seine Schulden beim Paten Tomo Kovac (Mišel Matičević) zu begleichen, scheitert der Versuch des Drogenfahnders Erol Birkan (Fahri Yardim), den berüchtigten Tarik-Amir-Brüdern (Sinan Farhangmehr und Kais Setti) das Handwerk zu legen. Als der engagierte Cop die Chance erhält, als gleichberechtigter Soko-Leiter in Grimmers Mordfall einzusteigen, lehnt er anfangs ab. Zu offensichtlich ist nämlich das Bestreben der Vorgesetzten, den Polizisten mit türkischen Wurzeln als Blitzableiter zu benutzen.

Christian Alvart zeigt Berlin als Pulverfass, das jeden Moment zu explodieren droht.– Cineman-Kritiker Christopher Diekhaus

Ein ungleiches Team: Die Ermittler Birkan (Fahri Yardim, links) und Grimmer (Felix Kramer, rechts).
Ein ungleiches Team: Die Ermittler Birkan (Fahri Yardim, links) und Grimmer (Felix Kramer, rechts). © Netflix

Ein toter Star-Kicker, der den Betrachter unweigerlich an die aus dem Ruder gelaufene Debatte um Mesut Özil denken lässt. Ein libanesischer Clan mit grossen Ambitionen. Zwielichtige Ermittler, die vor allem ihren eigenen Vorteil suchen. Eine Neonazi-Kameradschaft, in der es gefährlich gärt. Kroatische Mafiosi ohne Skrupel. Illegale Wetten. Und die Frage nach der kulturellen Zugehörigkeit. Action- und Thriller-Liebhaber Christian Alvart packt in seiner Netflix-Serie, der zweiten deutschen Produktion nach «Dark», heisse Eisen an und zeigt Berlin als Pulverfass, das jeden Moment zu explodieren droht.

Schon zu Beginn der ersten Folge wirft der Regisseur und Head-Autor kurz den Blick voraus und zeichnet Bilder einer Gewalteskalation an die Wand, die der Mord an Orkan Erdem nach sich ziehen wird. Klare Grenzen zwischen Gut und Böse kennt die an «4 Blocks» erinnernde Gangstersaga nicht. Viele Figuren ringen mit persönlichen Problemen und haben sich auf illegale Machenschaften eingelassen. «Dogs of Berlin» spinnt rund um die Haupthandlung ein ganzes Netz aus Nebensträngen und ist bis oben hin vollgepackt mit handfesten Konflikten.

Wie man Spannung erzeugt, hat Alvart offenkundig verstanden.– Cineman-Filmkritiker Christopher Diekhaus

Einige bekannte Gesichter: Das Team rund um «Dogs of Berlin».
Einige bekannte Gesichter: Das Team rund um «Dogs of Berlin». © Netflix

Wie man es aus früheren Alvart-Arbeiten kennt, scheut der kreative Kopf nicht davor zurück, tief in die Klischeekiste zu greifen und in manchen Fällen extrem dick aufzutragen. Die Streifenpolizisten vom Erdem-Tatort verhalten sich wie kleine naive Kinder. Grimmers Geliebte Sabine (Anna Maria Mühe) ist der Prototyp einer Asi-Braut. Die libanesischen Gangster lassen nichts auf ihre Ehre kommen. Und mehr als einmal springt Kommissar Zufall den Protagonisten zur Seite.

Das neue deutsche Netflix-Format, das den Zuschauer in triste Plattenbauten, obskure Wettbüros, exklusive Logen und schicke Luxusunterkünfte führt, ist hemmungslos überzogen, entfaltet stellenweise aber auch eine vibrierende Intensität. Wie man Spannung erzeugt, hat Alvart offenkundig verstanden, wobei das erlesene Ensemble entscheidend dazu beiträgt, dass einige Szenen nachhaltig beunruhigen.

Die gesellschaftlichen und politischen Implikationen des Stoffes werden in den ersten vier von zehn vorab bereitgestellten Episoden leider bloss in Genremanier, soll heissen: eher oberflächlich, verhandelt. Und nur zu deutlich bestätigt «Dogs of Berlin» eine alte Erkenntnis: Ein Fussballspiel lässt sich nicht wirklich realistisch nachstellen. Die Passagen des Ländervergleichs zwischen Deutschland und der Türkei sehen bei allem Respekt vor dem Bemühen der Macher unheimlich künstlich aus.

3 von 5 ★

«Dogs of Berlin» ist ab sofort auf Netflix verfügbar.

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