Artikel21. Juli 2021

Cannes 2021: Ein Sensationssieger, der alles möglich macht

Cannes 2021: Ein Sensationssieger, der alles möglich macht
© Agora

Sex mit einem Auto und die Geburt eines Mischwesens von Mensch und Metall: Der Sensationssieger «Titane» von Julia Ducournau holt sich an den 74. Filmfestspiele in Cannes die «Goldene Palme».

Texte: Patrick Heidmann

Titane

© Agora

Eine junge Tänzerin mit Aggressionsproblem und Auto-Fetisch (enigmatisch: Agathe Rousselle) wird zur Serienkillerin und findet irgendwann bei einem verzweifelten Feuerwehrmann unter, der sie für seinen vermissten Sohn hält. In den Händen von Julia Ducorunau wird daraus wieder eine aufregend-wilde Mischung von Genre-Elementen, inklusive viel Sex und Gewalt, aber auch viel Zärtlichkeit und einem dezidiert weibliche Blick auf Körperlichkeit und Männlichkeitsrituale. Ein ebenso ungewöhnlicher wie verdienter Palmen-Gewinner!

The French Dispatch

© Disney Schweiz

Ein genialer Maler im Gefängnis, ein Studenten-Paar mit revolutionären Absichten, ein in einen Entführungsfall verwickelter Restaurantkritiker – Wes Anderson erzählt in seinem neuen Film nicht eine, sondern viele kleine Geschichten. Alle angesiedelt im fiktiven französischen Nachkriegs-Städtchen Ennui-sur-Blasé, wo das titelgebende Magazin von US-Journalisten herausgegeben wird. Dieses Sammelsurium aus schrägen Figuren und Ideen überzeugt mit tollem Ensemble und bis ins Detail durchkomponierten Bildern, bietet aber doch mehr Stil als Substanz. Oder gar Herz.

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Stillwater

© IMDb

Ein enges Verhältnis haben sie nicht, doch als seine Tochter in Marseille des Mordes an ihrer Freundin verdächtigt wird, reist ihr Bauarbeiter-Vater Bill (Matt Damon) aus der US-Provinz nach Frankreich, um sie aus dem Gefängnis zu holen. Was nach packendem Thriller klingt, inszeniert Tom McCarthy eher als langsames Drama, das auf einem schmalen Grat zwischen Wahrhaftigkeit und Kitsch balanciert. Immerhin: der Handlungsstrang um eine alleinerziehende Mutter, der Bill vor Ort näherkommt, weiss dank der wunderbaren Camille Cottin zu überzeugen.

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Les Olympiades

© Filmcoopi

Normalerweise sind die Filme Jacques Audiards von Wucht und Maskulinität geprägt, doch hier schlägt er neue Wege ein. Rund um einen Hochhausblock im 13. Bezirk von Paris verwebt er in wunderschönen Schwarzweiss-Bildern die Lebenswege dreier junger, moderner Menschen miteinander. Die Themen, um die es hier geht, sind alltäglich, aber essentiell: Liebe und Sex, Freundschaft und Selbstfindung. Was den Film so besonders macht, sind erfrischende Darsteller:innen und eine unerwartet humorvolle Leichtfüssigkeit.

Benedetta

© Pathé Films

Für einen echten Aufreger ist der holländische Regisseur Paul Verhoeven immer gut, für eine ordentliche Portion Trash ebenfalls. Die Verfilmung eines Romans über eine junge Nonne (Virginie Efira) im 17. Jahrhundert, die ihre lesbischen Begierden auslebt, klingt also nach dem richtigen Stoff für ihn. Doch statt «Showgirls» im Kloster gibt’s hier vor allem viele sexistische Frauenbilder und reichlich Kirchenkritik. So provokant, albern oder skandalös wie erhofft wird es trotz einer Marienfigur als Dildo leider nie.

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Red Rocket

Ein verkrachter Pornodarsteller (sehenswert: Simon Rex) steht eines Tages bei seiner Ex vor der Tür, schlägt sich als Dealer durch und verführt eine minderjährige Schülerin, um mit ihr sein Comeback in der Sex-Branche zu feiern. Mit mehr Plot und Humor als üblich setzt Regisseur Sean Baker einmal mehr auf Wahrhaftigkeit und seinen bewährten Naturalismus. An «The Florida Projekt» kommt er damit nicht heran, doch als nicht moralisierende Blick auf die Ränder der amerikanischen Gesellschaft überzeugt auch sein neuer Film.

A Hero

© Filmcoopi

Auf ein paar Tagen Freigang versucht der wegen Schulden im Gefängnis sitzende Rahim, seine Haftstrafe zu verkürzen, doch der Fund einer Handtasche voller Goldmünzen führt zu einem immer dichter werdendes Netz aus Lügen und Missverständnissen. Oscar-Gewinner Asghar Farhadi kehrt mit dieser neuen Regiearbeit zurück in seine iranische Heimat und zu alter Form. Einmal mehr nimmt er sich Fragen der Ehre und der Moral vor – und verknüpft sie mit den Gefahren von Social Media-Kampagnen und den behördlichen Fallstricken in einer autoritären Gesellschaft. Komplex und sehenswert.

Tout s’est bien passé

© Filmcoopi

Für seinen 20. Spielfilm hat sich Frankreichs fleissigster Regisseur François Ozon mal wieder eine besondere Schauspielerin vor seine Kamera geholt. Sophie Marceau spielt eine Schriftstellerin, deren Vater (André Dussollier) sie nach einem Schlaganfall um Sterbehilfe bittet. Das hätte ein bedrückendes Drama über den Tod werden können, doch Ozon entscheidet sich für eine warmherzige, manchmal sogar heitere Familiengeschichte, die die sonst in harmlosen Komödien etwas unterforderte Marceau mit strahlendem Leben erfüllt.

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Kommentare 1

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Filmenthusiast

vor einem Tag

Man fragt sich, wo jedes Jahr international soo viile groossartige Filme gedreht werden, warum die schweizer Auswahl - allso das was in den schweize Kinos gezeigt wird -stets grösstenteils so miserabel ist?!


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