| Land (Jahr): | USA (2002) |
| Genre: | Thriller |
| Filmlänge: | 118min |
| Regie: | Christopher Nolan |
| Kinostart: | 17.10.2002 |
| 06.11.2002 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Nikolaj Frobenius |
Schlaflos in Alaska
Mit dem Indie-Hit «Memento» gelang Christopher Nolan ein vertrackter Thriller abseits der Norm. Wie schon dort bestimmen auch im Nachfolgefilm «Insomnia» Wahrnehmungstrübungen des Protagonisten den Plot. Diesmal ist das Ergebnis allerdings zwiespältig ausgefallen.
«Insomnia» basiert auf dem gleichnamigen norwegischen Thriller aus dem Jahr 1997. Dieser «Film blanc» nahm Motive und Stimmungen aus David Lynchs legendärer TV-Serie «Twin Peaks» auf und zeigte einen schwedischen Detektiv, der jenseits des Polarkreises im endlosen Licht der Mitternachtsonne im Mordfall eines Mädchens ermittelt. Die Unmöglichkeit, hier Schlaf zu finden, und die daraus resultierende Müdigkeit bringen Seiten des Ermittlers zu Tage, die über den Fall hinausgreifen und ihn in einen Strudel von Schuld und Verdächtigung hineinziehen.
Zeichnete der norwegische Regisseur Erik Skjoldbjaerg den Verlust rationaler Urteilsfähigkeit und das Hineingleiten in den Wahnsinn als Prozess, geht Christopher Nolan gleich von Beginn weg in medias res. Bereits auf seinem Flug in den hohen Norden sieht Al Pacino als Ermittler Will Dormer so abgekämpft aus, dass man ihm kaum zutraut, in den nächsten zwei Stunden noch zulegen zu können. Zwar eilt Dormer der Ruf eines legendären Ermittlers voraus, doch sind es nicht seine Erfolge, sondern seine Misserfolge, welche ihn nach Alaska führen. Dormer ermittelte stets auch am Rande der Legalität, wobei er stets das Beste wollte und doch das Böse schuf. Ein internes Verfahren gegen ihn läuft, und die Aussage seines ebenfalls nach Alaska abgeschobenen Partners Hap (Martin Donovan) könnte das Karriere-Ende bedeuten.
Die Situation zwischen den beiden ist angespannt. Doch die Polizisten im hohen Norden haben von diesem Zerwürfnis nichts mitgekriegt. Im Gegenteil, die lokalen Cops staunen über die prominente Verstärkung, welche ihnen zur Lösung eines Mordfalls aus dem Süden zugeteilt wurde. Vor allem die junge Polizistin Ellie Burr (Hillary Swank) folgt Dormers Ermittlungen voller Bewunderung. Dieser kommt schnell auf die Spur des Mädchenkillers und stellt dem Mörder in einer Fischerhütte eine Falle. Im folgenden Chaos %26#65533; die Sichtverhältnisse sind im kritischen Augenblick sehr schlecht � wird Dormers Partner Hap erschossen. Vom Mädchenmörder (Robin Williams)? Oder doch von Dormer, der auf eine Gestalt schoss, die er im Dunst nicht recht zu erkennen vermochte? Oder schoss er, weil nur so der aussagewillige Partner gestoppt werden konnte? Der Stress und die ewig scheinende Sonne jenseits des Polarkreises lassen Dormer nicht mehr einschlafen
Nolans wahrer Star ist weder Al Pacino %26#65533; immer mit der Tendenz zum Overacting %26#65533; noch Robin Williams, der hier sein neues Image als Bösewicht zementiert, sondern Alaska. Was von «Insomnia» bleibt sind Bilder, mit welchen der Regisseur gegen die üblichen Genrekonventionen arbeitet. Für einmal ist es nicht die Stadt, die dunklen Hinterhöfe und die ewig unergründliche Nacht, durch welche der Ermittler irrt. Es sind vielmehr die Aufnahmen von menschenleeren, vergletscherten Weiten, von einer fast unerträglich lichten Welt, die blendend gleissend in die Seele eines Mannes leuchtet, der %26#65533; unfähig einzuschlafen und zu vergessen %26#65533; vor seiner Vergangenheit zu flüchten versucht. Trotz dieser Ausgangslage bleibt der Film seltsam spannungslos. Die Stimmung der überbelichteten Landschaftsbilder legt sich bleiern auf die beiden Protagonisten und erstickt jede tiefer gehende Regung im Keim. Das nun könnte Konzept sein, doch wie sich Al Pacino schliesslich aus den Verwicklungen löst, entspricht einmal mehr jener moralinsauren Formel, mit welcher Hollywood sich gegenwärtig aus jeder halbwegs ambivalenten Situation herauszureden pflegt. [Benedikt Eppenberger]
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