Tomboy
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Filmkritik

Wenn Mädchen lieber Jungs wären

Ein Mädchen gibt sich bei seinen neuen Freunden einen Sommer lang erfolgreich als Junge aus. Die Coming-of-Age-Geschichte über ein Kind zwischen den Geschlechterrollen ist einfühlsam und witzig zugleich. Neben der leichtfüssigen und warmherzigen Inszenierung beeindruckt vor allem das souveräne Schauspiel der jungen Hauptdarstellerin.

Die Haare sind kurz, die Glieder schlaksig, das Lächeln spitzbübisch. Wer die 10-jährige Laure (Zoé Héran) nicht kennt, glaubt einen Jungen vor sich zu haben. So ergeht es auch den fremden Kindern im neuen Quartier, in welches Laure mit ihren Eltern und der kleinen Schwester Jeanne (Malonn Lévana) zieht. Als Lisa (Jeanne Disson), ein gleichaltriges Mädchen, sie nach ihrem Namen fragt, nennt sich Laure freimütig «Michael».

Für die neuen Freunde gibt es keinen Grund, Verdacht zu schöpfen, denn die burschikose Laure tobt sich wie ihre vermeintlichen Geschlechtsgenossen beim Fussballspielen aus und scheut sich auch nicht, sich mit ihnen beim Schwimmen oder Raufen zu messen. Schnell hat sich das knabenhafte Mädchen unter falschem Geschlecht in die Gemeinschaft integriert. Erst als Laure und Lisa sich näher kommen, wird das Versteckspiel zum Problem. Als sich dann auch noch Laures Eltern einschalten, droht ihr Geheimnis gelüftet zu werden.

«Tomboys» oder «garçons manqués» sind Mädchen oder Frauen, die sowohl durch ihr androgynes Äusseres als auch durch ein geschlechteruntypisches Verhalten von ihrer Umwelt als Jungen oder Männer wahrgenommen werden. In ihrem zweiten Film verarbeitet die 1980 geborene französische Regisseurin Céline Sciamma ihre persönliche Erfahrungen als «garçon manqué». Laures neugieriges Rollenspiel im Spannungsfeld zwischen sozialem und biologischem Geschlecht, ihre jugendliche Identitätssuche und unbeschwerte Experimentierfreudigkeit, verpackt Sciamma mühelos in einen stimmungsvollen und farbenfrohen Film über die magische Zeit des Heranwachsens.

Wenn Laure das Verhalten der Jungs analysiert und kopiert und sich dadurch wie selbstverständlich selbst auch als Junge definiert, macht die junge Französin ganz beiläufig sichtbar, wie sehr die Geschlechterrolle auch sozial vorgegeben ist. Sciamma vermag diese Botschaft ohne ideologischen Unterton und mit einer erfrischenden Natürlichkeit zu vermitteln. Dies macht den Film, zusammen mit seiner atmosphärischen Bildsprache und der sensibel geführten Darstellerinnen, zu einer kleinen Perle dieses Kino-Sommers.

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