Religulous - Filmkritik
| Land (Jahr): | USA (2008) |
| Genre: | Documentary |
| Filmlänge: | 100min |
| Regie: | Larry Charles |
| Kinostart: | 13.11.2008 |
| 18.02.2009 (Romandie) | |
| Kamera: | Anthony Hardwick |
Woran wir glauben
Im Dokumentarfilm «Religulous» sucht US-Satiriker Bill Maher nach Antworten auf die Frage «Weshalb um alles in der Welt glauben Sie?». Gesprochen hat er mit Gläubigen, Priestern, Muftis, Rabbis und einem Jesusdarsteller, der sich montags bis samstags jeweils um 17 Uhr ans Kreuz nageln lässt. Auch sonst gibt es jede Menge Irrsinn, über den man sich mit gutem Grund schlapplachen kann.
Sigmund Freud verglich 1907 in seinem Text «Zwangshandlungen und Religionsübungen» das neurotische Zeremoniell mit dem religiösen Ritual und kam zum Schluss, dass «die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose zu bezeichnen» sei. Die Religion eine Geisteskrankheit also? Der US-Satiriker Bill Maher spricht es zwar nicht ganz so radikal aus, nach seinem Dokumentarfilm «Religulous» aber besteht kein Zweifel, dass er und Freud sich bestens verstanden hätten.
Natürlich spielt Maher weniger in der Liga Freuds als vielmehr in jener Woody Allens. Gleichwohl darf man sein Unternehmen loben und dem Mann Mut attestieren, untersucht er die Symptome der «universellen Zwangsneurose» doch hauptsächlich in den USA, auch bekannt als «God's Own Country». Es ist dies jener Ort, der die Religionsfreiheit zwar maximal hochhält, wo aber Menschen, die frei von Religion sein wollen, schnell Probleme bekommen können. Und was es für die persönliche Versehrtheit bedeuten kann, sich vor radikalen Islamisten einen Witz auf Kosten des Propheten zu erlauben, wissen wir seit dem Karikaturenstreit nur zu gut. Ist «Religulous» demnach ein Pulverfass, und muss sich Maher darauf gefasst machen, dass demnächst in Karachi Demonstranten sein Konterfei verbrennen?
Wohl kaum. Zwar führt Maher Exponenten gewisser Glaubensrichtungen vor; gleichzeitig macht er das moderat, ohne direkt auf den Mann (bzw. Frau) zu spielen. Vielmehr lenkt er den Ball indirekt über die Bande, bleibt freundlich und überlässt es seinen zumeist zwanghaft humorlosen Gesprächspartnern, sich vor der Kamera zu blamieren. Maher spielt den Zweifler, womit er bei Gläubigen entweder auf Granit beisst oder aber ihren Missionierungsdrang erst recht anfacht. Das hat komisches Potenzial, ein ernsthaftes philosophisches Zwiegespräch entsteht aber nicht. Eher werden okkulte und scheinheilige Rituale einfach mal ausgestellt. Welcher aufgeklärte Mensch möchte nicht über die Energie lachen, welche auf die Entwicklung von Vorrichtungen verwendet wird, die es orthodoxen Juden ermöglichen, am Sabbat sündenfrei einen Lichtschalter anknipsen zu können? Oder aber ein Ausflug ins Bibelland, der neuevangelikalen Antwort auf Disneyland, mit Show-Kreuzigung statt «Pirates of the Caribbean»? Einfach zum Schreien.
Mahers primäres Interesse gilt weniger dem Inhalt der Religionen, als vielmehr dem Paradox, dass Seligwerdung, Erlösung, Liebe, Respekt und Toleranz oft mit maximaler Intoleranz und dem Schwert gepredigt werden. Warum gelingt es eifernden Fanatikern, korrupten Demagogen und anderen Wirrköpfen immer wieder «das Religiöse» im Menschen so souverän anzutippen, dass ihre Schäfchen auch den gröbsten Unfug widerspruchslos schlucken? Antworten darauf liefert Maher nur ansatzweise. Was er und «Borat»-Regisseur Larry Charles zeigen, ist ein Kuriosenkabinett, mit dem sie mal lustig, mal verstörend gegen Denkverbote mobil zu machen versuchen. Das ist in Zeiten des wieder verstärkt religiösen Wahns («Wir sind Papst!») eigentlich schon mal recht viel. [Benedikt Eppenberger]
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