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Gone, Baby, Gone - Filmkritik

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Die unbequeme Wahrheit

50

Die Suche nach einem entführten Mädchen wird für einen Privatdetektiv zu einem Trip an seine Grenzen - und das Regie-Debüt des glücklosen Schauspielers Ben Affleck zu einem kleinen Meisterwerk.

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Patrick Kenzie (Casey Affleck) zögert. Soll der Privatdetektiv diesen Fall wirklich annehmen? In der Nachbarschaft wurde ein vierjähriges Mädchen entführt, deren Tante fleht nun Kenzie um dessen Hilfe an. Eigentlich ein Angebot, das er nicht abschlagen kann: Dieser Job ist spannender und prestigeträchtiger als das Aufspüren von abgehauenen Schuldnern, das den Privatdetektiv sonst beschäftigt. Doch wenn Kenzie einwilligt, dann übernimmt er eine Verantwortung, die er vielleicht nicht tragen kann; wenn er versagt, macht er sich mitschuldig.

Nur auf Drängen seiner Partnerin (Michelle Monaghan) willigt er dann doch ein. Der Widerstand der Polizei ist schnell aus dem Weg geräumt - die tappt selber im Dunkeln, und nur Kenzie kann ihr helfen. Er ist in diesem Quartier aufgewachsen, in dem der White Trash Bostons lebt, er kennt hier über zwei, drei Ecken jeden. Und tatsächlich findet er schnell erste Spuren: Die Mutter (Amy Ryan) selbst scheint kein unschuldiges Opfer zu sein, ein Kinderschänder taucht auf, und da ist plötzlich ein Koffer Geld, der so viel Wert zu haben scheint wie das Leben eines Kindes.

Doch je näher Kenzie an die Auflösung des Falls kommt, desto weiter entfernt er sich von ihr. Erst am Schluss wird ihm klar, wie grausam, wie pervers diese Entführung wirklich ist. Dann muss er sich erneut und erst recht entscheiden. Wie, weiss er kaum - auf so etwas wie «Moral» oder «Gerechtigkeit» kann er sich längt nicht mehr berufen. Doch wenn er jetzt versagt, macht er sich nun erst recht mitschuldig.

«Gone Baby Gone» ist ein starkes Stück Kino. Verstörend und intensiv; wer in diesen Film geht, kommt als Anderer wieder heraus. Das liegt zum einen an der Story: Die literarische Vorlage stammt von Dennis Lehane, dessen Roman «Mystic River» Clint Eastwood vor vier Jahren grossartig umgesetzt hat. «Gone Baby Gone» geht aber noch weiter, tiefer, wirkt echter.

Überraschend daran: «Baby» ist Ben Afflecks Debüt-Film. Wir erinnern uns: Vor zehn Jahren erhielt der Schauspieler (gemeinsam mit Matt Damon) den Oscar für das Drehbuch zu «Good Will Hunting» und startete eine vielversprechende Karriere, die er bald an die Wand fuhr, weil er sich in seelenlosen Blockbustern verheizen liess und mit seinen öffentlichen Affären bald nur noch «Gala»-Leserinnen langweilte. Nun ist er aber in die Arbeiterquartiere Bostons zurückgekehrt, in seine Heimat und die Heimat seines ersten Erfolges.

Dort also und hinter der Kamera agiert der ehemalige Gewinner einer «Goldenen Himbeere» nun wie ein alter Meister. Man kann natürlich sagen: Mit Casey Affleck, Morgan Freeman, (einem selten so starken) Ed Harris und einem guten Filmteam kann man nicht viel falsch machen. Aber beim Regisseur laufen alle Fäden zusammen, und Affleck hält sie souverän im Griff. Und es ist unglaublich, was er beispielsweise aus der kaum bekannten Amy Ryan herausholt.

In England wurde der Kinostart von «Gone Baby Gone» wegen der Entführung von Madeleine McCann auf unbestimmte Zeit verschoben. Eigentlich erstaunlich, denn Parallelen zwischen Film und Realität gibt es kaum. Vielleicht hat man dort aber das Gefühl, eine solch ambivalente Story könne man der Öffentlichkeit nicht zumuten. Das sollte ein Grund mehr sein, sich hierzulande dieses kleine Meisterwerk nicht entgehen zu lassen. [Wisi Greter]

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