A History of Violence - Filmkritik
| Land (Jahr): | USA (2005) |
| Genre: | Drama, Thriller |
| Filmlänge: | 96min |
| Regie: | David Cronenberg |
| Kinostart: | 13.10.2005 |
| 02.11.2005 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Josh Olson |
Ein gewaltig guter Film
David Cronenberg stellt die Gewaltfrage: Welchen Platz hat Gewalt in unserer Gesellschaft, was sind ihre Konsequenzen? Und kann man aus diesen Überlegungen einen spannenden Thriller machen? Die Antwort auf letzteres heisst: Ja, Cronenberg kann.
Als David Cronenbergs «A History of Violence» an den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde, soll es zu einem bemerkenswerten Zwischenfall gekommen sein. Ein Zuschauer, der sich am Gelächter der versammelten Filmkritiker störte, schrie lauthals: «You fucking film critics pieces of shit, can't you take this seriously?» Der Zwischenruf scheint seine Wirkung nicht verfehlt zu haben: Selten zeigten sich die US-Kritiker so einig wie bei «A History of Violence». Kaum einer mochte sich negativ über den Film äussern, im Gegenteil: Fast einhellig wurde festgestellt, Cronenberg sei mit seiner Parabel über Gewalt und ihre Konsequenzen ein Meisterwerk gelungen.
Um es vorweg zu nehmen: Die Lobeshymnen wurden nicht zu unrecht gesungen. Cronenberg, der sich als überzeugter Darwinist bezeichnet, zeigt seine eigene Version des «survival of the fittest». Es ist ein düsterer Thriller geworden - und, wie sich im Verlauf des Films herausstellt, auch eine Art Komödie: Viggo Mortensen spielt Tom Stall, einen Mann, wie er durchschnittlicher und freundlicher nicht sein könnte. Glücklich verheiratet, ein braver Familienvater und angesehenes Mitglied der Gemeinde. Doch was Cronenberg hier so genüsslich als Normalität inszeniert, fällt in sich zusammen, als Stall in Notwehr zwei Räuber erschiesst.
Ungewollt wird der brave Büger damit zum Helden. Die plötzliche Popularität bleibt nicht ohne Folgen: Es bricht eine Vergangenheit über ihn herein, die er während zwanzig Jahren zu vergessen versuchte. Wie sich Stalls sorgsam konstruierte Idylle nach und nach auflöst, wird für den Zuschauer zu einer trickreich erzählten Geschichte mit Wendungen und Enthüllungen, die bald unklar machen, wem oder was man hier glauben kann.
David Cronenberg war in den siebziger und achtziger Jahren als Meister des «Body Horror» bekannt. Was bei all den schleimigen Parasiten («Shivers»), explodierenden Köpfen («Scanners») und ekligen Mutationen («The Fly») gern übersehen wurde, war sein feines Gespür für die psychologische Tiefe der Figuren. Das machte auch «Spider», den letzten Film des Kanadiers, so sehenswert. Trotzdem geriet das Portrait eines psychisch Kranken zum finanziellen Fiasko. «A History of Violence», der die Intelligenz des Psychodramas mit der Spannung eines klassischen Thrillers kombiniert, wird hoffentlich an den Kinokassen besser abschneiden. [Jürg Tschirren]
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