Darwins Nightmare - Filmkritik
| Land (Jahr): | Österreich, Belgien, Frankreich, Kanada, Finnland, Schweden (2004) |
| Genre: | Documentary |
| Filmlänge: | 107min |
| Regie: | Hubert Sauper |
| Kinostart: | 03.11.2005 |
| 23.03.2005 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Hubert Sauper |
Ein alltäglicher Alptraum
Im afrikanischen Victoriasee spiegelt sich der Irrwitz der Globalisierung wieder. Frachtflugzeuge exportieren Tonnen des gefragten Nilbarsch und bringen Waffen zurück. Ein denkwürdiger Dokumentarfilm.
Eine unglaubliche Geschichte: In den Victoriasee wurde vor drei Jahrzehnten der Nilbarsche eingesetzt - ein wissenschaftliches Experiment. Das hatte schwerwiegende Folgen: Das gefrässige Raubtier erwies sich nicht nur als gefragte Delikatesse, sondern auch als Killer. Er hat fast den gesamten Fischbestand des Sees ausgerottet. Die begehrten Barsch-Filets werden seither täglich tonnenweise zu den europäischen und asiatischen Märkten geflogen. Doch die Frachtflugzeuge kehren nicht leer zurück, wie Filmemacher Hubert Sauper nach hartnäckiger Recherche herausgefunden hat. Sie bringen Waffen nach Afrika und versorgen diverse Kriegsherde. Ein florierender Handel.
Der Österreicher Sauper hatte während der Dreharbeiten zu seinem Film «Kisangani Diary» (1998) über ruandische Flüchtlinge die Idee diesem Projekt. Er beobachtete gigantische Frachtflugzeuge über Mwanza (Tansania) und recherchierte. Was bargen die Bäuche der fliegenden Frachter? «Die russischen und ukrainischen Piloten wurden bald meine Kameraden», berichtete der Filmer. «Schon nach wenigen Bieren und Wodkas erzählen sie mir lachend, dass sie nicht nur humanitäre Hilfsgüter in die Kriegsherde liefern, sondern eben auch das, was der Krieg braucht: Bomben, Minen, Kalaschnikows, Munition...»
Wir erleben, wie die Menschen am Victoriasee hilflos globalen Machenschaften ausgeliefert sind, wie Fischer krepieren, Frauen sich prostituieren, Kinder und Frauen im Fischdreck wühlen. Politiker, EU-Delegierte und Manager gebärden sich als Wohltäter, sie meinen es gut. Aber wie so oft bleiben die direkt Betroffenen auf der Strecke: Die Bevölkerung wird Opfer eines kommerziellen Erfolgs. Der mörderische Fisch bringt Reichtum und doch geht der wirtschaftliche Aufschwung mit Ausbeutung Hand in Hand.
Mit beherztem Einsatz und Hartnäckigkeit sind Hubert Sauper und sein Team ins «Herz der Finsternis» getaucht und nahmen dafür einiges in Kauf wie Verhaftungen, Verhöre etc. Der denkwürdige Dokumentarfilm versteht sich nicht als Anklageschrift oder aggressives Pamphlet, sondern als Aufruf und Aufklärung über ökologische und menschliche Katastrophen. Eine widersprüchliche Realität wird zum Alptraum, der unsere Welt und Gesellschaft in Frage stellt. Das wirkt nach.
Der Film «Darwin's Nightmare» ist Dokument, Reportage und Alptraum zugleich, sehr nahe an den Beteiligten - Tätern wie Opfern. Das fesselnde Filmstück erhielt unter anderem Auszeichnungen am Filmfestival Fribourg, in Venedig, in Wien und wurde als Bester Europäischer Dokumentarfilm gekürt. [Rolf Breiner]
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