Angesichts der erstaunlichen Entwicklungen, mit denen die Realität die Fiktion seither weit überholt hat, ist es eigentlich kein Wunder, dass The Lady fast ein wenig halbherzig wirkt. Hauptverantwortlich dafür ist allerdings die Perspektive, aus der Besson und das Drehbuch von Rebecca Frayn auf das Leben dieser ungewöhnlichen Frau blicken. Wesentlich mehr als für den Aktivismus ihrer Protagonistin - die ihre Wahlheimat England 1988 verließ, um ihre kranke Mutter zu pflegen, sich angesichts blutiger Aufstände gegen die Militärregierung an der Gründung der NLD (Nationale Liga für Demokratie) beteiligte und schließlich unter Hausarrest gestellt wurde - interessieren sie sich nämlich für den privaten Aspekt ihrer Geschichte.
Entgegen seines Titels ist The Lady nämlich auch die Geschichte von Suu Kyis Ehemann Michael Aris (David Thewlis). Den Oxford-Professor und die gemeinsamen beiden Söhne ließ sie zurück, als sie sich dafür entschied, sich in Burma für den Wandel einzusetzen. Lange Jahre bestand bestenfalls spärlicher Kontakt. Selbst als Aris unheilbar an Krebs erkrankte, blieb sie ihren Überzeugungen treu und entschied sich, in Burma zu bleiben. Auch dieser Aspekt des Lebens der Aung San Suu Kyi ist faszinierend, und Thewlis zeigt seine Figur als selbstlosen, grundguten Mann, wie man ihn in dieser Form selten auf der Leinwand sieht. Doch dass Besson die von Aris initiierte Verleihung des Nobelpreises an seine Frau eher als seinen denn als ihren Triumph zelebriert, hat trotzdem einen seltsamen Beigeschmack.
Dass The Lady, bei aller Sentimentalität, zu der Besson mitunter neigt, dennoch die gelungenste Regiearbeit des Franzosen seit The Fifth Element ist, hat andere Gründe. Den Detailreichtum etwa, mit dem der Film die Lebensstationen Suu Kyis sehr akkurat und in erlesenen Bildern nachzeichnet, oder auch das zurückgenommene, aber überzeugende Spiel von Michelle Yeoh, der man bislang weder dramatisches Talent noch eine Ähnlichkeit zu der burmesischen Freiheitskämpferin nachgesagt hatte. Vor allem aber ist The Lady, wie Aung San Suu Kyi von ihrem Volk genannt wird, eine Persönlichkeit, der selbst Regie- und Drehbuchschwächen nichts anhaben können.