Joe Wright, bislang vor allem für erlesene Kostümfilme wie Pride & Prejudice oder Atonement bekannt, erzählt nämlich in erster Linie ein Märchen, worauf er ganz unmissverständlich selbst hinweist. Noch in dem kleinen Häuschen im Wald, in dem die 14-jährige Titelheldin (Saoirse Ronan) zu Beginn des Films mit ihrem Vater Erik (Eric Bana) lebt, liest sie die Geschichten der Gebrüder Grimm, später zieht es sie im Verlauf ihres Abenteuers ins so genannte Grimm-Haus nach Berlin. Dass auf dem Weg dahin auch eine Art böser Hexe - in Gestalt der zwielichtigen CIA-Agentin Marissa Wiegler (Cate Blanchett) - den Weg des Mädchens kreuzt, versteht sich von selbst.
Es verbietet sich eigentlich, Details aus der Handlung zu verraten, deswegen nur das Nötigste. Hanna wird fernab jeder Zivilisation und ohne jeden Kontakt zur Außenwelt von ihrem Vater, der einst selbst im Dienst des US-Geheimdienstes stand, zur Killerin ausgebildet. Eines Tages bricht sie - halb aus eigener Ungeduld, halb auf sein Betreiben - zu ihrer alles entscheidenden Mission auf, deren Ziel sie selbst nicht wirklich kennt und die sie mindestens so sehr wie zur Jägerin auch zur Gejagten durch halb Europa macht. Die Frage, ob diese Story, die voller Wendungen und Überraschungen steckt, tatsächlich schlüssig und substantiell genug ist, darf man am Ende durchaus stellen. Man kann es aber auch lassen und sich daran erfreuen, was für ein ungewöhnlicher, sich gegen allerlei Konventionen sträubender und damit mutiger Film hier entstanden ist.
Die Bildsprache, die Wright und sein Kameramann Alwin H. Kuchler entworfen haben, ist mit ihren langen Fahrten und reizvollen Perspektiven einzigartig; sie fasziniert in beklemmenden Tunneln ebenso wie in Großstadtschluchten oder den Weiten von Wüste und Nordpol. Brillant ist außerdem Saoirse Ronan. Der vielleicht bester aller derzeitigen Teen-Stars kann es nicht nur locker mit der gegen den Strich besetzten Cate Blanchett aufnehmen, sondern vermeidet auch jedes Lolita- oder «little girls with big guns»-Klischee. Vor allem aber verblüfft Hanna als rastloses Unterhaltungskino, das sich auf den ersten Blick nicht entscheiden kann zwischen spannendem Action-Thriller und humorvoll überzeichneter Cartoon-Parodie. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass Wrights Märchen gerade aus diesem üppigen Genremix seinen Reiz bezieht.