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Un prophète

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 Filmkritik
«Un prophète»: Bewertung der Redaktion
Bis zur Kenntlichkeit verzerrt

Ein tumber Kleinganove wird eingelocht und verlässt den Knast sechs Jahre später als gemachter Mann. Was es dazu braucht und was dazwischen geschah, erzählt der französische Autorenfilmer Jacques Audiard in seinem in Cannes preisgekrönten Meisterwerk «Un Prophète».

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Hermann Gremliza, der Herausgeber des Magazins «konkret», meinte kürzlich: «Wer hinaufwill, muss herunterkommen, wer was werden will, muss aufhören, wer zu sein.» Dieser Satz, von Gremliza auf eine bestimmte Sorte Journalisten gemünzt, bringt auf den Punkt, was Jacques Audiard den Kleinganoven Malik El Djebena (Tahar Rahim) im Gefängnis lernen lässt: Im (Knast-)System überleben bzw. reüssieren heisst, kein Arschloch-Verächter zu sein und sich selbst radikal zu verleugnen. Zweiteres lässt sich bei Malik mühelos realisieren. Als er seine Strafe antritt, ist bei ihm keine Spur von Persönlichkeit vorhanden, keine Nationalität, keine Religionszugehörigkeit. Er kann weder lesen noch schreiben. Und könnte er es, er wüsste nichts damit anzufangen.

Ersteres - die braune Zunge - wird er kriegen. Einmal im Gefängnis beginnt für Malik die Zeit des Erwachens, er lernt das System zu lesen und erfasst schnell, dass der Knast vom korsischen Mob kontrolliert wird. Strippenzieher ist der klassische Mafioso Luciani (Niels Arestrup): Er bietet Malik Schutz unter seinem Schirm. Weil es im Gefängnis nichts umsonst gibt, wird Malik zum Mörder. Später bringt er sich das Lesen und Schreiben bei. Nachdem er die Basics der Gefängniswirtschaft abgehakt hat, wendet sich Malik der höheren Ökonomie zu. Vom Fusssoldaten Lucianis wird er zum Player. Vorausschauend wechselt er die Seiten und schliesst sich einer einsitzenden Muslim-Gangstergemeinde an. Die aus dem Knast global agierenden Fundis spielt er sodann geschickt gegen die klassisch vernetzten Mafiosis aus. Das Powerplay macht sich bezahlt: Die Aktien der Korsen beginnen dramatisch an Wert zu verlieren.

In 150 hochspannenden Minuten schildert Audiard anhand des Gefängnissystems jenen Prozess, den man mit Karl Marx als «primäre Akkumulation» bezeichnen könnte. Der bärtige Theoretiker sah darin die mittels nackter Gewalt durchgeführte Anhäufung des für den Anschub des Geschäfts notwendigen Kapitals. Audiard hat für Marxens abstrakten Begriff mit dem Gefängnis eine poetische Entsprechung gefunden, in deren Spiegel zudem die offizielle Ökonomie bis zur Kenntlichkeit verzerrt wird.

Es wäre aber verkürzt, würde man Audiards Film auf die sozialkritische Komponente reduzieren. Moralismus liegt dem Franzosen fern, und wenn er sich seiner Hauptfigur nähert, dann illusionslos und ohne billige Wertung - was angesichts der Monstrosität, der das Individuum im Gefängnissystem ausgesetzt ist, auch eher lächerlich wäre. Dass wir diesen Malik trotzdem hautnah mitbekommen, hängt mit der grandiosen Leistung von Newcomer Tahar Rahim zusammen, von dem in Zukunft wohl noch so einiges zu erwarten ist. [Benedikt Eppenberger]


 Eure Kommentare

Kevin: Knastromantik auf hart gemacht.
Kurt: Selten so einen guten Gangsterfilm gesehen! Kann locker mit Goodfe...
Nic: Welch bizarre Reaktion auf eine Filmkritik, Alper. Der Niedergang d...
Fabian: Die Geschichte ist nicht neu, Gefängnis und Mafia gabs schon zuh...
Christina: Un prophète ist einmal etwas ganz anderes als die ewigen acti...
Jasmin: Eindrücklich, fesselnd, krass

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 Abspann
Originaltitel: Un prophète
Deutscher Titel: Ein Prophet
Filmlänge: 155min
Land (Jahr): Frankreich, Italien (2009)
Genre: Krimi, Drama
Besetzung: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Hichem Yacoubi, Reda Kateb, Jean-Philippe Ricci, Gilles Cohen, Antoine Basler, Leïla Bekhti, Pierre Leccia, Foued Nassah, Jean-Emmanuel Pagni, Frédéric Graziani, Slimane Dazi, Rabah Loucif, Serge Boutleroff, Hervé Temime, Taha Lemaizi, Mohamed Makhtoumi, Karim Leklou, Farid Larbi, Doula Niang, Mamadou Minte, Guillaume Verdier, Mourad Frarema, Zohra Benali, Sabar Kabbouchi, Eric Badoc, François De Courcelle, Nathanaël Maïni, Charles Maestracci, Laurent Blanquet, Jean-Pierre Guinebert, Pascal Henault, Hakim Sid, Kamel Labroudi, Mustapha Benstiti, Alain Raymond, Franck Xabrame, Didier de Backer, Patrick Mochen, Gilles Bellomi, Malaïc Mekeri, Fadil Kadri, David Dupays, Arsène Benziane, Kamel Ferrat, Karim Traikia, Cindy Danel, Abdelaziz Mahtou, Alexandre de Seze, Kamel Saadi, Slim El Hedli, Farid Elouardi, Veronica Ghio, Sonia Hell, Salem Kali, Franck Pech, Alaa Safi
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Thomas Bidegain, Jacques Audiard, Abdel Raouf Dafri, Nicolas Peufaillit
Kamera: Stéphane Fontaine
Produktion: Lauranne Bourrachot, Martine Cassinelli, Marco Cherqui, Antonin Dedet
Verleih: Filmcoopi Zürich
Produktionsfirma: Why Not Productions, Chic Films, Page 114, France 2 Cinéma, BIM Distribuzione, Union Générale Cinématographique (UGC), Celluloid Dreams, Sofica UGC 1, France 2 (FR2), Sofica Soficinéma 4, Canal+, Soficinéma 5, CinéCinéma, Région Ile-de-France, Conseil Régional de Prove
Startdatum: 14.01.2010 (Deutschschweiz)
02.09.2009 (Romandie)



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