Micmacs à tire-larigot - Filmkritik
| Aka Titel: | Micmacs - Der grosse Coup der kleinen Leute |
| Jahr: | 2009 |
| Genre: | Comedy, Crime |
| Filmlänge: | 105min |
| Regie: | Jean-Pierre Jeunet |
| Kinostart: | 15.07.2010 |
| 28.10.2009 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Jean-Pierre Jeunet |
Dany Boon im Wunderland
Jean-Pierre Jeunet manieriert einmal mehr cinéastische Komponenten aus Kinoklassikern, Varietés und Melodramen zu einem traumhaften Mikrokosmos des traumatisierten Antihelden.
Die Mär um den Waisen Bazil (Dany Boon), der sich eines Tages vor die Tür seiner Pariser Videothek beim Disput von Waffenschiebern eine verirrte Pistolenkugel einfängt, später mittellos und obdachlos vom kauzigen Canaille (Jean-Pierre Marielle) aufgelesen wird, um fortan mit dessen Bande wunderlicher Außenseiter vom Schrottplatz Rache an zwei konkurrierenden Waffenhändlern zu nehmen, ist das typische Sujet Jean-Pierre Jeunets («Delikatessen»), der es liebt, aus schimärischen Alpträumen bittersüße Kinoträume zu schmieden.
Eine ebenso große Liebe für seine sympathischen Underdogs beweist Jeunets überbordendes und detailversessenes Panoptikum der chaplinesken Albernheiten und Verrücktheiten. Aber nicht ohne den gewohnten Timbre einer tragikomischen Melancholie, die dem einfältigen Protagonisten anhaftet, der en passent auch seine Herzensdame in Mademoiselle Kautschuk (Julie Ferrier) findet. Dennoch, diese groteske und plakative Komik schmälert die eigentliche Botschaft des sepiafarbenen Krimi-Rührstücks, das politisch sein will, ohne es letztlich zu sein: Die ins Visier genommene Waffenlobby, die anfängliche Intention, nämlich Kritik an krimineller Konzernisierung und Konzentrierung in einem feudalistisch anmutenden System, in dem das naive Häuflein Mensch auf der Strecke bleibt, verblaßt allmählich, so dass letztlich nur noch ein emphatisch aufspielendes und amüsantes Freak-Kabinett übrig bleibt.
Jeunets wundersames Film-Universum mutet stets an, wie für Kinder konzipierte Pin-Up-Tableaux, die die Realität so verblüffend simpel erscheinen lassen, dass der wahre Kern kaum mehr wahrgenommen wird. Das tröstet dann wenig darüber hinweg, dass die subtile Sozialsatire letztlich zum reinen Fun-Faktor degeneriert. Dabei verspielen Jeunets hermetisch abgeriegelten Lebenswelten gerne das enorme Potential der Thematik, die gerade zuzeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise in der Kumpanei von Staat und Lobbyismus so ernüchternd und erschreckend akut bleibt.
Übrigens: «Micmacs» bedeutet «meine Brüder». Der Begriff geht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als franko-amerikanische Indianer Freunde mit diesem Ausruf freundschaftlich begrüßten.
[Jean Lüdeke]
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