Was «V for Vendetta» aus der Masse stromlinienförmiger Hollywood-Filme heraushebt, ist seine überraschend offen demonstrierte «Legal? Illegal? - Scheissegal!»-Attitüde, mit der hier die Symbole der Macht attackiert werden. Zwar spielt die Story in einem faschistischen Britannien der Zukunft, die Macher aber geben sich wenig Mühe, die Bezüge zur aktuellen Weltpolitik zu verbergen. Die Wachowski Brothers («Matrix»-Trilogie) und Regisseur James McTeigue beschreiben eine angsterfüllte Gesellschaft der Zukunft, die ihre Freiheit zu Gunsten von mehr Sicherheit an eine faschistische Diktatur unter «Führer» Adam Sutler (John Hurt) aufgegeben hat. Die Menschen haben sich mit der Unfreiheit arrangiert, und kaum jemand opponiert mehr gegen das lügenhafte Regime, das über seine Sender nur Heils-Botschaften verbreitet und gleichzeitig ständig neue äussere und innere Feinde schafft.
Evey (Natalie Portman) ist eine Arbeitsbiene und verdingt sich als Lohnsklavin für den staatlichen Medienmonopolbetrieb. Wie viele andere auch trägt sie mit ihrer Indifferenz brav zur Stabilität des Systems bei. Eines Nachts allerdings nimmt ihr Leben eine dramatische Wende, als sie vom geheimnisvollen «V» (Hugo Weaving) aus den Händen dreier mordlustiger Partei-Schläger befreit wird. Ihr Retter trägt eine Maske mit den Zügen von Guy Fawkes, jenem katholischen Attentäter, der am 5. November 1605 beim Versuch das Londoner Parlament zu sprengen, gefasst und später aufgehängt wurde. Anders als es seine salbungsvolle Ausdrucksweise, der Harry-Potter-Hut, die Angela-Merkel-Frisur und das elisabethanische Kostüm vermuten lassen, ist V eine gut geölte Kampfmaschine, die mit Messern und Karate jeden Fight für sich entscheiden kann.
Evey kreuzt Vs Weg gerade in jenem Augenblick, als er sich anschickt, mit dem Old Bailey das Symbol der korrupten Gerichtsbarkeit in die Luft zu sprengen. Das Attentat gelingt, genauso wie später die Übertragung einer Video-Botschaft, in der V für das folgende Jahr die Sprengung des Parlaments ankündigt. V selbst ist ein verunglücktes Menschen-Experiment aus den Frühtagen der Diktatur. Auf dem damals erfahrenen Leid gründet sein Hass gegen das Regime und deshalb befindet sich der seltsame Superheld auch auf privater Rache-Tour. Doch seine Hauptaufgabe sieht er darin, wie Evey im Verlaufe ihrer Bewusstseinswerdung merkt, die unterdrückten Massen mittels drastischen Aktionen an die Pflicht zum Widerstand zu erinnern.
Entwickelt wurde der Stoff von 1981 bis 1988 ursprünglich für eine Comic-Serie, in der Autor Alan Moore seinen Hass gegen die damalige Thatcher-Regierung ausleben konnte. Obwohl aus einer spezifischen historischen Situation heraus entstanden, hat der Comic bis heute wenig von seiner Brisanz verloren. Die Kernaussage, Ideen sind unsterblich, haben die Wachowskis auch im Film ins Zentrum gestellt. Überhaupt ist erstaunlich viel von Moores anarchistischem Drive in die Kinofassung eingeflossen (Moore mochte seinen Namen für den Film allerdings nicht hergeben), und gespannt wartet man auf die Reaktionen, die dieser Hollywoodfilm mit einem Terroristen als Hoffnungsträger provozieren wird.
Bei aller Parteinahme für die Sache der Freiheit bleibt «V for Vendetta» vor allem aber ein düster-romantisches Stück Pop-Kino, in dem eine Reihe Superstars (neben Portman, Weaving und Hurt etwa Stephen Rea und Stephen Fry) mit eindrücklichen Performances überzeugen. Die Wachowski Brothers kokettieren heftig mit «Anarcho-Chic» und der Film, geschliffen getextet, elegant inszeniert, blendend aufgenommen und grossartig ausgestattet, unterminiert sein Credo für mehr Individualität spätestens dann selbst, wenn er mit allen Mitteln der Verführung vor den Manipulationsmöglichkeiten des Mediums warnt.