«It was the politics of my skin that mattered.» - Wann hat man so einen Satz zum letzten Mal in einem Thriller gehört? Beeindruckender aber als Nicole Kidmans tatsächlich wie Alabaster schimmernde Haut oder Sean Penns unendlich trauriger Blick ist in den ersten Minuten von «The Interpreter» der dritte Hauptdarsteller: Der Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York. Noch nie zuvor war die Erlaubnis erteilt worden, einen Film in den Mauern des Gebäudes zu drehen und wahrlich, Sidney Pollacks Hartnäckigkeit (UN-Generalsekretär Kofi Annan soll schliesslich höchstpersönlich den Dreh bewilligt haben) hat sich gelohnt: Mit seinen Plenarsälen, goldverzierten Wänden, verwinkelten Korridoren und grünen Teppichen stellt der Bau selbst den hervorragenden Cast in den Schatten. Und kaum ein Film hätte besser zum Gebäude gepasst: Beide sind sie modernistisch und antiquiert zugleich, elegant, verwinkelt und in manchen Ecken mit Ethno-Kitsch dekoriert.
Kidman spielt die in Afrika geborene UN-Dolmetscherin Silvia Broome, die Ohrenzeugin eines Mordkomplotts wird. Edmund Zuwanie, Präsident des (fiktiven) afrikanischen Staats Matobo, soll während seiner Rede vor der Hauptversammlung erschossen werden. Broome wendet sich an die Sicherheitsbehörden, die ihr den Bundesagenten Tobin Keller (Penn) zur Seite stellen. Keller zweifelt an der Aufrichtigkeit seiner Zeugin, findet heraus, dass Broome selbst im Widerstand gegen Zuwanie aktiv war. Pollack entwirft dabei eine klug ausgearbeitete politische Landkarte Mabotos, inklusive postkolonialer Unruhen und einem Herrscher, der vom Befreier zum Despoten wurde. Schliesslich schenkt Agent Keller seiner Zeugin doch Vertrauen und versucht, im Wettlauf mit der Zeit das drohende Attentat abzuwenden.
Der eingangs zitierte Satz über die «politics» von Kidmans Haut ist nur eines von vielen Beispielen, die «The Interpreter» einen unzeitgemässen Status verleihen. Schwarzafrika als Krisenherd? Lange her. Die UNO? Multilateral ist nicht mehr. Dolmetscherinnen? Die galten vielleicht in den Siebzigern als sexy. Aber gerade das Unzeitgemässe macht den Film zu einem der zwingendsten Thriller seit langem. Pollack, dem 1975 mit «Three Days of the Condor» ein Klassiker des Genres gelang, inszeniert die Rededuelle zwischen Kidman und Penn eben so spannend wie die nervenaufreibenden Actionszenen; Dialog ist hier endlich wieder mehr als Füllmaterial zwischen Bumm und Päng. Noch schöner aber, dass sich die Geschichte nicht mit simpler Schwarzweiss-Rhetorik begnügt. Ob Silvia Broome nur die klassische, passive Frauenrolle der zufälligen Zeugin spielt oder weit aktiver in die ganze Verschwörung verstrickt ist, bleibt lange offen. Und als Keller ihre Glaubwürdigkeit mittels Lügendetektor abklären will, bleiben die Resultate unklar, der Ermittler genau so klug wie zuvor. So ein Film ist das.