Woody Allen ist das fleischgewordene Gegenteil des Valser-Wassers, das bekanntlich gut blieb, während alles besser wurde. Der Neurosenkavalier wurde zuletzt immer schlechter, wie um ihn die Kinowelt, der er sich so beharrlich verweigert. Allens jüngste Filme waren nicht alle zum Gähnen, aber Ausdruck einer gewissen Ermüdung die meisten. Er ist ein anderer, seufzte man immer öfter und betete ihn gleichwohl weiter an als guten Gott von Manhattan. Und dann wird Woody 70, alles besser und das, schluck, in London: «Match Point» ist der erste Film, den Allen nicht draussen vor der Haustür drehte - und der beste seit gefühlt Jahrzehnten.
Es ist die Geschichte eines Aufstiegs. Chris Wilton (Jonathan Rhys Meyers), einfacher Tennislehrer in einem Club des Londoner Geldhochadels, mausert sich vom Hausfreund der Familie Hewitt zum Ehemann der Tochter (Emily Mortimer), steigt vom Tennisarm zur rechten Hand des Chefs in der Firma des Schwiegervaters auf und wird vom Freund des Schwagers (Matthew Goode) zum Liebhaber von dessen Ex (Scarlett Johansson). Das ist weniger kompliziert als vielmehr gefährlich; da sich die beiden ungeschützt lieben zunächst, später, weil Wilton sich entscheiden muss: zwischen der Leidenschaft seines Lebens und einem Leben, das zwar seelisches Leiden schafft, aber die Tränen trocknen Kohle, Kaschmir und Kaviar.
«Unaufgeregt» und «unneurotisch» sind die beiden Wörter, die den neuen Allen am besten treffen. Mit der Gelassenheit des Soziologen observiert er das Ticken und Ficken einer Gesellschaft, die der eines dicken englischen Romans aus dem 19. Jahrhundert mehr gleicht als jener, die Allen in den 38 Filmen zuvor überzeichnete. Auch in «Match Point» findet sich viel Kunst: nicht als überdrehtes Zwiegespräch unter nervösen Brillenschlangen, sondern an der Wand im Appartement mit Hammerblick auf die Themse. Viele Figuren alter Allens hätten ein Buch über Dostojewski zu schreiben vermocht; in «Match Point» liest man «Schuld und Sühne» mit Erläuterungen und lässt dennoch zu, dass die russische Fiktion mit der englischen Realität verschmilzt: Stichwort Mord, und wie man ihn zynisch rechtfertigt... oops, da haben wir doch fast zu viel verraten.
Auch formal funktioniert «Match Point» hundsgemein - im besten Sinne. Wenn die bitterböse Gesellschaftsstudie vollkommen unerwartet in einen Kriminalfilm umschlägt, wird das Publikum mit einem Mörder hoffen, er werde nicht gefasst. Wende gut, alles gut. Sehr gut sogar.