Gegen die Wand - Filmkritik
| Land (Jahr): | Deutschland (2004) |
| Genre: | Drama |
| Filmlänge: | 121min |
| Regie: | Fatih Akin |
| Kinostart: | 29.04.2004 |
| Drehbuch: | Fatih Akin |
| Verleih: | Cineworx GmbH |
Scheinehe mit Todesfolge
Goldener Berliner Bär 2004 für einen neorealistischen Film aus der deutschen Wirklichkeit, gedreht vom türkischstämmigen Hamburger Fatih Akin: Sein raues Sozial- und Liebesdrama ist ungeschminkt, direkt und schmerzhaft.
Er hat den Kanal voll und das Leben satt. Cahit Tomruk (Birol Ünel), voll wie eine Haubitze, knallt mit seinem Ford frontal gegen eine Betonwand. Vollrausch, Blackout, Absicht? Der desillusionierte 40-jährige Alki überlebt und findet sich in der geschlossenen Abteilung eines Spitals wieder. Hier macht sich die 20-jährige Deutsch-Türkin Sibel (Sibel Kekilli) an den Macho ran - sie hat ihn als Kandidat für eine Scheinehe ausersehen. Ihr eigener kontrollierter Selbstmordversuch sollte nur dazu dienen, den Traditionszwängen ihres Elternhauses zu entkommen. Man will sie verheiraten, doch Sibel will «leben, lieben und ficken - nicht nur einen Mann» und deshalb heiraten. Der türkischstämmige Cahit sperrt sich. Er, der hemmungslose Alkoholiker, hat Skrupel, bespricht sich mit seinem Freund Seref (Güven Kiraç) - und gibt schliesslich nach. Die beiden heiraten, und Sibel lebt ihre Freiheit grenzenlos aus. Partytime! Die Liebhaber wechselt sie fast so schnell wie das T-Shirt.
Doch an Cahit geht das Zweckbündnis, die Ehe mit getrennten Betten, nicht spurlos vorbei. Er verliebt sich in die wilde Ehefrau auf dem Papier, und auch Sibel empfindet mehr für ihn, als sie sich eingestehen will. Doch als das zarte Pflänzlein Liebe aufkeimt, schlägt die Realität zu. Cahit wird von einem Liebhaber Sibels provoziert und schlägt zu - Totschlag und Knast. Und Sibel sucht notgedrungen ihr Heil in Istanbul.
Nicht von ungefähr hiess ein Film von Fatih Akin aus dem Jahr 1998 «Kurz und schmerzlos», für den er den Bronzenen Leoparden von Locarno erhielt. Lang und schmerzhaft ist jetzt die Geschichte der unerfüllten Liebe zwischen Cahit und Sibel, den Aussenseitern zwischen Hamburg und Istanbul. Akins Metier ist das Terrain der Secondos, der Fremden, die beispielsweise in Deutschland heimisch geworden sind. Sein kompromissloser, ungeschönter Stil verklärt weder den deutschen Eckkneipen- noch den türkischen Familienmief. Er ist schmerzhaft direkt, bitter, aber auch witzig.
Akin kennt die Szene und seine Helden und führt seine Schauspieler zum Äussersten. Birol Ünel spielt nicht nur den entwurzelten Macho, er ist es irgendwie auch - mit einem Touch Poesie und verdeckter Sensibilität. Und Sibel Kekilli ist Sibel, die junge Wilde, die irgendwann ihre zügellose Freiheit aufgeben muss. Das geht an einem nicht spurlos vorbei. Auch weil die Schauspielerin Sibel, durch eine Kampagne des Boulevard-Blattes «Bild» ins schlechte Licht gerückt, im wirklichen Leben von ihrer Familie geächtet wurde. [Rolf Breiner]
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