|
Mit «A Dirty Shame» hat John Waters seine Arche Noah geschaffen. Ein Schiff, auf das sich alle möglichen Arten von sexuellen Perversionen haben retten können.
|
Als der notorische Dr. Krafft-Ebing vor über hundert Jahren in seiner «Psychopathia Sexualis» Fälle von sexueller Perversion vorstellte, geschah dies mit den besten therapeutischen Absichten. Die «gesunde» Gesellschaft sollte ein Bild davon erhalten, welche kranken Elemente sich in ihrer Mitte tummelten. Beim Aufklären dachte der Doktor aber gewiss nicht an Ferkel-Filmemacher wie John Waters. Dieser nämlich feiert in «A Dirty Shame» Dr. Krafft-Ebings Reich der sexuellen Abartigkeiten als utopischen Gegenentwurf zur gesellschaftlich herrschenden Norm.
Waters lässt seine Freakshow-Party an der Harford Road, einem Arbeiterquartier in Baltimore, steigen. Hier lebt die brutal normale Sylvia Stickles (Tracey Ullman) zusammen mit ihrem sexhungrigen Ehemann Vaughn (Chris Isaak) und Tochter Caprice (Selma Blair). Wäre da nicht das sexuell auffällige Verhalten der Tochter, die Familienidylle, wäre perfekt. Doch Caprice hat Schande über die Eltern gebracht. Nach einer Brustvergrösserung mit enormen Brüsten ausgerüstet, zog die Tochter nämlich durch die örtlichen Striplokale, weshalb sie von der Mutter jetzt in Verwahrung gehalten wird.
Doch nicht nur bei der Tochter stellt die Mutter einen zunehmenden Hang zur sexuellen Perversion fest, auch andere Bürger fallen plötzlich durch anzügliche Anmache auf. Und dann geschieht es: Sylvia wird, nach einem Schlag gegen den Kopf, selber zum sexuellen Biest. Ihre plötzliche Geilheit treibt sie direkt in die Arme von Ray Ray (Johnny Knoxville), dem Leader eines örtlichen Sex-Kults, dem zahlreiche Perverse (und gleichzeitig Opfer von Kopfnüssen) anhängen. Mit messianischem Eifer kämpft Ray Ray gegen die sich schnell radikalisierende Anti-Sex-Bürgerwehr und die unbedarfte Sylvia gerät zwischen alle Fronten.
Während der Clinton-Jahre, als der «Blow-Job» quasi zum guten Ton gehörte, verabschiedete sich Independentfilmer John Waters von jener Form der trashigen Provokation, die ihn in den 70er-Jahren berühmt gemacht hatte. Fortan sah man keine Leute mehr vor laufender Kamera Hundekot essen. Angesagt waren nun Gesellschaftssatiren, in denen Waters liebevoll zur Gegenutopie montierte, was er von seinen Reisen ins Pop-Universum an Denkwürdigkeiten mitgebracht hatte.
Inzwischen hat sich allerdings erneut viel verändert. Der Prüderie gelang unter G.W. Bush ein eindrückliches Comback und zum erfolgreichsten Independent-Film aller Zeiten - einst DAS Terrain freigeistiger Filmautoren - entwickelte sich 2004 Mel Gibsons bluttriefend-fundmentalistischer «The Passion of the Christ». Waters, König der Independentfilme, muss sich dadurch direkt herausgefordert gefühlt haben und so gestaltete er «A Dirty Shame», mit vielen religiösen Bildern und Bezügen gespickt, gleichsam als religiöses Credo.
So messianisch wie Gibson seinen Heiland ans Kreuz nagelte, so bekennend ergreift Waters nun Partei für sexuelle Perversion aller Art. Das geht in Ordnung, denn die «gute Botschaft» des «Pope of Trash» ist - im Gegensatz zu jener Gibsons - fröhlich, menschenfreundlich und witzig. [Benedikt Eppenberger]
|
| Originaltitel: |
A Dirty Shame |
| Filmlänge: |
89min |
| Land (Jahr): |
USA (2004) |
| Genre: |
Komödie |
| Besetzung: |
Tracey Ullman, Johnny Knoxville, Selma Blair, Chris Isaak, Suzanne Shepherd, Mink Stole, Patricia Hearst, Jackie Hoffman, Nicholas E.I. Noble, Lucy Newman-Williams, Scott Morgan, Wes Johnson, David A. Dunham, David Moretti, Jeffrey Auerbach, Susan Allenback, Paul DeBoy, Channing Wilroy, Rosemary Knower, Jewel Orem, Richard Pelzman, Shirleyann Kaladjian, Hari Leigh, Ricki Lake, James Ransone, Alan J. Wendl, Jonas Grey, Richard DeAngelis, Susan Rome, Gwendolyn Briley-Strand, Kate Kiley, Grace Nalls, Ty Ford, Randall Boffman, Patsy Grady Abrams, Doug Roberts, Joyce Flick Wendl, Jean Schertler, Carlos Juan Gonzalez, Brilane Bowman, David DeBoy, Kevin Reese, Michael Willis, Lance Baldwin, Kosha Engler, Mary Vivian Pearce, Michael Gabel, John Shields, Gaelan Alexander Connell, Frederick Strother, Jean Hill, Richard Salamanca, Britt Prentice, Nathan Fulford, Glenn Wilson, Lynn McCune, Liam Hughes, Steve Mack, Don Hewitt, Jeanette Chivvis, David Hasselhoff, Michael Ahl, Bob Adams, Tim Caggiano, Angela Calo, Paul M. Clary, Gino Colbert, Lee E. Cox, Susan Duvall, Sharif El-Mahdi, George Figgs, Leanna Foglia, Rick Kain, Mary Lechter, Robert Neal Marshall, John G. Pavelec, Carolyn Rawleigh, Jennifer Rouse, Thomas W. Stewart, Stephen Szibler, Jayson Vance, Schuster Vance |
| Regie: |
John Waters |
| Drehbuch: |
John Waters |
| Kamera: |
Steve Gainer |
| Produktion: |
Michael Almog, Ted Hope, Bob Jason, Christine Vachon, Merideth Finn, Danny Fisher, Jack Fisher, Joe Fisher, Mark Kaufman, Mark Ordesky, John Wells, Ann Ruark, Pat Moran |
| Verleih: |
20th Century Fox Film Corporation |
| Produktionsfirma: |
This Is That Productions, Killer Films, City Lights Pictures, John Wells Productions |
| Startdatum: |
02.06.2005 (Deutschschweiz) 08.06.2005 (Romandie) |
|
|