Die Geschichte vom weinenden Kamel - Filmkritik
| Land (Jahr): | Deutschland (2003) |
| Filmlänge: | 87min |
| Regie: | Byambasuren Davaa |
| Luigi Falorni | |
| Kinostart: | 12.02.2004 |
| 06.10.2004 (Romandie) | |
| Verleih: | Filmcoopi Zürich |
Wundersame Heilkraft der Musik
«Die Geschichte vom weinenden Kamel» berichtet einfühlsam vom Leben mongolischer Hirtennomaden, geführt in Eintracht mit Natur und Tieren und mit einer leisen Ahnung von der Moderne.
Können Kamele weinen? Können sie nicht, würde man meinen und vermutet hinter dem poetischen Filmtitel eineMär aus «1001 Nacht». Doch der Schein trügt. Die erste gemeinsame Arbeit der mongolischen Jungregisseurin Byambasuren Davaa und ihres italienischen Co-Regisseurs Luigi Falorni, beide Absolventen der Hochschule für Fernsehen und Film München, ist ein Dokumentarfilm und belehrt den Zuschauer eines anderen: Kamele können tatsächlich weinen.
Zumindest die Kamelstute Ingen Temee kann es. Und wenn sie es, betört vom Klang einer Pferdekopf-Geige und dem Gesang einer jungen Frau, gegen Ende des Films endlich tut, geht nicht nur für ihr Fohlen, das sie bisher abgelehnt hat, endlich die dringend nötige Nahrungsquelle auf, sondern der Zuschauer weint im Kinosessel auch hemmungslos mit.
Ein kleines Wunder scheint da zu geschehen. Dabei zieht im Prinzip «nur» der Höhepunkt eines Filmes über die Leinwand, der, mit viel Einfühlungsvermögen gedreht, von einer archaischen Lebensweise berichtet, in der Mensch und Tier einander unendlich nahe sind und die Sorge umeinander alles bestimmt.
Der Anfang des Dokumentarfilms liegt in Herkunft seiner Regisseurin: Bayambasuren Davaa ist als Nachkommemongolischer Nomaden mit deren Lebensweisen, Sitten und Traditionen seit früher Kindheit zumindest teilweise vertraut. Wissend um das enge Verhältnis der Hirtennomaden zu ihren Tieren und fasziniert vom Ritual des «weinenden Kamels» brach sie im Frühjahr 2002 mit Falorni und Team in die Wüste Gobi auf. Sieben Wochen verbrachten die Filmemacher an der Seite einer Nomaden-Grossfamilie und teilten ihren vom Leben in der Wüste bestimmten Alltag geteilt.
Sie sassen mit in der Jurte und tranken Tee. Sie hörten zu, wie der Ur-Opa Sagen und Geschichten über die Herkunft der Kamele erzählte, der Zweitjüngste um eine Satelliten-TV bettelte und der Mutter ihr Jüngstes in den Schlaf sang. Sie beobachteten die Menschen aber auch bei der Arbeit mit den Tieren. Das Regie-Paar hat nicht nur einigeKamelgeburten dokumentiert, sondern wurde auch Zeuge, wie eine Kamelstute ihr Fohlen nach der Geburt verstösst und die Hirtenfamilie schlussendlich mit der Durchführung des uralten Hoos-Ritual die Kamelstute besänftigt und demFohlen den Zugang zur dringend nötigen Nahrung eröffnet.
«Die Geschichte vom weinenden Kamel» überzeugt durch seine diskrete und hervorragende Kamera und die durchs Band charismatischen «Protagonisten». Es ist insofern ein seltener Glücksfall eines Dokumentarfilms, weil er, ausgehend von der Vorstellung eines aussergewöhnlichen Ereignisses, dessen tatsächlich auch habhaft wird undes ihm gelingt, den Zuschauer daran emotional teilhaben zu lassen. [Irene Genhart]
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