Minority Report - Filmkritik
| Land (Jahr): | USA (2002) |
| Genre: | Thriller |
| Regie: | Steven Spielberg |
| Kinostart: | 03.10.2002 |
| 02.10.2002 (Romandie) | |
| Verleih: | 20th Century Fox Film Corporation |
Kampf gegen den Kassandra-Komplex
Steven Spielberg versucht, endlich seine dunklen Seiten filmisch auszuleben. «Artificial Intelligence», sein erster Versuch in diese Richtung, gelang mehr schlecht als recht. Für «Minority Report» hat Meister Spielberg einige Hausaufgaben gemacht. Ein Ridley Scott wird aus ihm deswegen noch nicht.
Die Seherin Kassandra aus der griechischen Mythologie empfand ihre Gabe als Fluch. Sie konnte zwar allerhand Katastrophen und Unheil voraussagen, fand aber nirgends Gehör und vermochte so das Schicksal nicht abzuwenden. Als Segen sieht hingegen die Bevölkerung von Washington die Fähigkeiten dreier neuzeitlicher Kassandras, die zielsicher Morde vorhersehen können. Sie sind Kinder drogenabhängiger Eltern und mit einer seltenen Mutation geboren worden. Als «Precogs» im Dienst einer neuen Polizeieinheit vegetieren sie in Tanks voller Nährlösung vor sich hin, ihre schrecklichen Visionen werden in den Computer eingespeist. Wir schreiben das Jahr 2054.
Detective John Anderton (Tom Cruise) ist professioneller Traumdeuter im Dienst dieser «Pre-Crime» Abteilung. Seine Aufgabe: Die Bilder aus den Hirnen der Hellseher nach konkreten Informationen über den Tatort absuchen, Einsatzkommando hinschicken, Mord verhindern, bevor er geschieht. Das Prinzip bewährt sich, die Mordrate in Washington sinkt auf Null. Doch das Justizministerium hat Zweifel, ob Irrtümer ausgeschlossen sind und hetzt Anderton einen Überwacher (Colin Farrell) auf den Hals. Den Glauben an die Unfehlbarkeit der Precogs verliert der Polizist bald selber, als sie ihm eine unfassbare Vision präsentieren: Anderton soll in wenigen Tagen einen Mann umbringen, den er bis anhin nicht einmal kennt.
Spielberg gibt sich viel Mühe, seine neu entdeckte düstere Ader auszuleben und hat damit Erfolg auf visueller Ebene. Körnige Bilder, harte Kontraste und eine dunkle Farbpalette schaffen eine Zukunft mit Endzeit-Touch. Parallelen zu Ridley Scott's «Blade Runner» sind nicht rein zufällig - zu beiden Filmen lieferte der Science Fiction Autor Philip K. Dick die Buchvorlage. Im Vergleich wird aber auch klar, woran Spielberg immer noch krankt: Er ist nie konsequent und muss allem Übel eine perfekte Idylle entgegenstellen.
Ridley Scott schaffte es, in seiner Zukunftsperspektive eine schwerblütige Melancholie zu verbreiten. Hinter der hochtechnisierten, glänzenden Oberfläche der wuchernden Grosstadt verbarg sich stets eine Unterwelt aus Dreck, Drogen und Kriminalität. Ein wenig Drogenmissbrauch gibt es in «Minority Report» auch, aber bitte ohne böse Nebenwirkungen. Und ja, die Grossstadt hat irgendwo am Rand auch ihre negativen Seiten, aber daneben gibt es ja immer noch das unbelastete Landleben.
Doch Spielberg gibt sich sichtbar Mühe. Herausgeschnittene Augen sehen ebenso gruselig aus wie in «Blade Runner», und sogar einige Referenzen zu William Gibson's endzeitlichen Cyberpunk-Romanen sind gegeben. Wenn John Anderton mit Datenhandschuhen bewaffnet wie ein Orchesterdirigent die Traumbilder der Pre-Cogs durchforstet, erinnert dies stark an Keanu Reeves in der Verfilmung von Gibson's «Johnny Mnemonic».
Was das Kind im Regisseur Spielberg aber wirklich fasziniert, sind die Möglichkeiten technischer Spielerei: Fahrzeuge, die auf Magnetbahnen vor der Wohnungstür andocken, Hologrammprojektoren oder allgegenwärtige Werbeflächen, die auf den Kunden persönlich zugeschnitten sind. Technisch sind diese Einlagen makellos umgesetzt, und sie schaffen es auch nicht, die solide Handlung zu überfahren.
Der Kampf gegen die Zukunft bleibt zentral und spannend, und er ist durch clevere Wendungen nicht leicht durchschaubar. Andere Schicksalsverhinderer wie Bruce Willis in «12 Monkeys» oder Arnold Schwarzenegger in «Terminator» reisten in die Vergangenheit, um das Vorherbestimmte zu ändern, und verfingen sich dabei leicht in logischen Zeitfallen. Tom Cruise blickt hingegen bei der Bewältigung seines Kassandra-Komplexes stets nach vorn, und «Minority Report» bleibt so auf der rationellen Ebene wasserdicht.
[Bruno Amstutz]
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