La stanza del figlio - Filmkritik
| Aka Titel: | Das Zimmer meines Sohnes |
| Land (Jahr): | Italien (2001) |
| Genre: | Drama |
| Filmlänge: | 87min |
| Regie: | Nanni Moretti |
| Kinostart: | 22.11.2001 |
| 23.05.2001 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Linda Ferri |
Tod und Trauer
In Filmen wird viel gestorben. Ein anständiger Krimi setzt eine Leiche voraus. Wo Action angesagt ist, werden ganz nebenbei Passanten über den Haufen geschossen oder gefahren usw. Ganz im Gegensatz dazu ist Trauer ein auf der Leinwand wenig gezeigtes Gefühl. Nanni Moretti setzt mit «La Stanza del Figlio» einen Kontrapunkt. Er erzählt einen ganzen Film lang nur davon, wie eine Familie mit dem Unfalltod ihres Sohnes umgeht.
Der Vater Giovanni (gespielt von Nanni Morett selbst), die Mutter Paola (hervorragend: Laura Morante) und die pubertierende Tochter Irène (Jasmine Trinca) versuchen je auf eigene Weise mit dem Schicksalsschlag fertig zu werden. Moretti nimmt sich Zeit. Zunächst einmal, um uns eine funktionierende Familie vorzuführen. Da stellt sich eine Schwester vor ihren Bruder, wenn der Vater ihm nicht glaubt. Der Vater seinerseits unterstützt den Sohn, als dieser beschuldigt wird, ein Fossil aus der Schulsammlung geklaut zu haben. Der Sohn wiederum gesteht der Mutter später, dass er das besagte Objekt tatsächlich gestohlen hat. Moretti gibt aber auch zu verstehen, dass sich zwischen Vater und pubertierendem Sohn langsam eine Entfremdung einschleicht, der Giovanni nur halbherzig entgegenwirkt. Er nimmt sich wohl vor, mehr Zeit mit dem Sohn zu verbringen, und doch gehen berufliche Verpflichtungen immer wieder vor.
Doch es ist nicht das Arbeitspensum des Vaters, das dem friedlichen Familienleben eine Ende setzt, sondern ein Tauchunfall des Sohnes. Sehr sorgfältig verfolgt Moretti nun seine Figuren durch das nächste Jahr und beobachtet, wie sie mit dem Verlust umgehen und sich in ihrer Hilflosigkeit immer weiter voneinander entfernen. Die Tochter, die zuerst fast übermässig erwachsen reagiert, verwandelt die Trauer in Aggression, die sie auf dem Sportplatz auslebt. Als Paola zufällig entdeckt, dass ihr Sohn eine Freundin hatte, versucht sie, den Kontakt zu ihr aufzubauen. Giovanni stösst bei der Arbeit als Psychiater an seine Grenzen und fängt an, alles was seine PatientInnen ihm erzählen, persönlich zu nehmen.
Moretti ist genau im Beobachten und respektvoll den Figuren gegenüber. Dennoch war die Kritik gespalten, als der Film am Festival in Cannes die goldene Palme erhielt. «Zu gefällig» lautete der Vorwurf, sogar «sentimental» war zu hören. Tatsächlich bietet «La Stanza del Figlio» keine Experimente, und seine Kühnheit besteht weder in filmischen Höhenflügen noch in überraschenden Wendungen der Handlung, sondern einzig und allein darin, einem im Kino sonst gerne ausgeklammerten Gefühl Raum und Zeit zu geben. [Katrin Gygax]
weitersagen


