Scott Hicks («Shine») hat nach seinem letzten Film «Snow Falling On Cedars» eines gelernt: Grösstmögliche Treue zu einer Romanvorlage zahlt sich in der Publikumsgunst nicht notwendigerweise aus. Mit Stephen Kings «Hearts in Atlantis» geht er entsprechend freizügig um und hat sich aus dem sechshundertseitigen Schmöker, der eine Zeitspanne von vierzig Jahren abhandelt, lediglich zwei Abschnitte herausgepickt.
Diese drehen sich um den Fotografen Bobby Garfield (David Morse), der anlässlich des Todes eines Freundes die Stätten seiner Kindheit aufsucht. Dort verfällt er in Erinnerungen an seinen elften Geburtstag, an dem er von seiner Mutter statt des heiss ersehnten Fahrrades lediglich einen Bibliotheksausweis geschenkt bekommt. Dafür zieht gleichentags ein geheimnisvoller Fremder namens Ted Brautigan (Anthony Hopkins) in ein Mietzimmer oberhalb seiner Wohnung ein.
Ted führt den jungen Bobby (Anton Yelchin) in die Welt der Bücher ein, öffnet ihm neue Horizonte und macht ihn neugierig auf das Leben der Erwachsenen. Der neue väterliche Freund scheint von einer mysteriösen Aura umgeben, und in Bobby nährt sich der Verdacht, dass er Gedanken lesen kann. Ted beginnt Bobby von «niederen Männern» zu erzählen, die versuchen würden, ihn aufzuspüren. Als Zeichen hinterliessen sie kryptische Flugblätter, die auf entlaufene Haustiere hinweisen, und sie würden in auffälligen, protzigen Autos herumfahren.
Stephen Kings niedere Männer sind Wesen aus einer anderen Welt, genauso wie Ted Brautigan selbst. Scott Hicks ist aber an einer solchen Erklärung nicht interessiert. Vielmehr versucht er, die Welt durch die Augen eines Elfjährigen zu zeigen, für den das Leben der Erwachsenen ohnehin viel Unerklärliches bereithält. Er deutet Interpretationsmöglichkeiten an, will sich aber nicht festlegen und bleibt dadurch letztlich auch schwammig.
Die Geschichte rotiert ohne antreibende Handlung um die beiden ungleichen Freunde und Bobbys knauserige Mutter (Hope Davis), die ihr Kind als Belastung empfindet und nicht aus dem amerikanischen Kleinstadtleben von 1960 entfliehen kann. Befreit von seinen übernatürlichen Elementen rutscht der Stoff in die Nähe des Rührstücks und wird vor allem durch die schauspielerischen Leistungen von Hope Davis und Anthony Hopkins am Leben erhalten. Dieser vermag seiner Figur des abgetakelten Junggesellen ohne Vergangenheit allein durch seine Stimme und wenige Blicke eine Aura zu verleihen, die neugierig macht. Scott Hicks' verklärter Blick auf die Kindheit hat seine magischen Momente, bleibt aber bisweilen so unzugänglich wie die Erinnerungen einer fremden Person.
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