Freilich, der Film handelt auch von der Todesstrafe, und es hiess sogar, er handle von nichts anderem: Matthew Poncelet (Sean Penn) ist nämlich rechtskräftig zum Tod verurteilt, die Chancen auf Begnadigung sind etwa gleich null, die Exekution steht unmittelbar bevor. Sister Helen Prejean (Susan Sarandon) ist zwar anfänglich um einen Berufungsanwalt besorgt, aber ihr Fachgebiet ist nun einmal nicht der juristische Kram, sondern die menschliche Seele. Der Rest des Films handelt also davon, wie die Nonne dem Killer ein volles Tatgeständnis zu entlocken versucht (denn bisher hat er hartnäckig geleugnet), er soll die Eltern der beiden Opfer um Verzeihung bitten und die volle Verantwortung für seine Tat übernehmen, - natürlich in seinem eigenen Interesse, denn es stirbt sich besser, wenn man Frieden mit sich und mit der Welt geschlossen hat. Die Schwester hat Erfolg: wir sehen den harten Knacki weinen, beten, um Verzeihung flehen, - die Hinrichtung selber erlebt der Zuschauer nach diesem Sieg eher in einem Zustand aufatmender Erleichterung denn als Klimax von Wut und Empörung.
Mag sein, dass Tim Robbins (Regie) und seine Gattin (Sarandon) und gewiss auch die fromme Helen Prejean (die gleichnamige Gottesfrau in echt) ziemlich fortschrittliche Ansichten über die Todesstrafe haben, aber von ihrem Film kann man das leider nicht behaupten. Wenn die verbalen Statements gegen das Töten von Amtes wegen diesen bitteren Kelch noch an uns haben vorübergehen lassen, so räumt spätestens die fatale Parallelmontage am Ende des Films alle Zweifel aus: der Ablauf der Hinrichtung, die Bewegungen der Injektionsmaschine und des sterbenden Körpers in rhythmischem Wechsel mit der nächtlichen Vergewaltigungs- und Mordszene, um derenwegen der Delinquent verurteilt worden ist. Mag sein, dass sich Nichtregisseur Robbins der verheerenden Konsequenz einer solchen Montage nicht bewusst war, mag sein, dass er damit eigentlich sagen wollte, der staatliche Mord sei genauso schlimm wie der private. Aber die filmische Syntax macht eine ganz andere Aussage: in einem Film, der zwei Stunden lang auf das Schuldeingeständnis eines Todeskandidaten mit anschliessender Hinrichtung zusteuert, lässt sich diese plumpe rhetorische Figur nicht anders lesen denn als Legitimation jener barbarischen Justiz: die unleugbare Ursache und ihre bedauerliche Wirkung, Schuld und Sühne, und wenn auch leider nicht Versöhnlichkeit im Sinne des Evangeliums (Joh 7.8.7), so doch wenigstens alttestamentarische Gerechtigkeit (2. Mose 21.12!). Eine solche Szene ist jedenfalls auch für Befürworter der Todesstrafe akzeptabel: hier die brutale Tat eines Sexmörders an unschuldigen Teenagern und da seine messianisch ästhetisierte Bestrafung, politisch gewiss diskutabel, aber durchgeführt mit modernsten Mitteln, human und schmerzlos und immerhin im tröstlichen Beisein von fürsorglichen Aerzten, bedauernden Anwälten und liebenden Nonnen. - Weshalb wohl ist der Film in den USA so gut gelaufen, im Lande der Henker? Etwa wegen Sarandon, die seit Thelma und Louise eine völlig unangemessene Credibility geniesst und sich mit feuchtem Auge und verständnis-innig bebendem Unterkiefer natürlich einen Oscar holte? Gewiss: den American Way of Being Concerned trifft sie mit einer solchen Performance haargenau, und angeblich engagiert sie sich privat gegen die Todesstrafe. Überhaupt liessen sich bis hier vielleicht alle formalen Mängel - in dubio pro reo - mit der guten Absicht ihrer Macher entschuldigen. Aber wenn ein Film mit einem solchen moralischen Anspruch daherkommt, muss er sich auch ein moralisches Urteil gefallen lassen: Die christliche Logik der Argumentation verleiht dem Film eine gewisse philosophische Unschärfe, sie verhindert ein klares Statement. «Dead Man Walking» begeht genau das, was seit Golgatha die Erbsünde aller christlichen Lehre ist: selbst noch dem Schlimmsten einen Sinn abzukriegen, Bosheit in Fügung zu verwandeln, Marter in Erlösung, - kurz: das Schlechte als das doch irgendwie Gute zu denken.
Die skandalöse Impertinenz des Films besteht aber darin, dass die Nonne mitsamt ihrer Glaubensgemeinschaft diese Bekehrung in letzter Minute, dieses Schuldbekenntnis eines Verzweifelten sich als seelsorgerischen Erfolg aufs Kreuzbanner schreiben dürfen, - als wäre es ein Kunststück, einen Mann in die Knie zu kriegen, der am Ende des death row dem Henker gegenübersteht. In dieser Situation - ausgestreckte Nonnenhände hin oder her - offenbart sich jene traditionsreiche unheilige Allianz zwischen Staat, Medizin und Kirche. In ihrer mörderischen Arbeitsteilung wird jede individuelle Ansicht über die Todesstrafe irrelevant: der Staat sorgt für eine möglichst humane Infrastruktur des Tötens, der Arzt für das körperliche Wohlbefinden, die Nonne für das «sei tapfer», für Beichte und «Würde». Wahrlich, ich sage euch: «Dead Man Walking» ist ein zutiefst unmenschlicher Film, der seinen Pferdefuss unter dem zerlumpten Mäntelchen eines christlichen Humanismus nur schlecht verbergen kann.
Weil auch ich aber nicht von Euch scheiden will ohne ein Zeichen der Versöhnung: Sean Penn spielt den Delinquenten prima, oder - darf es etwas ausgewogener sein? - ganz genau so, wie ihn De Niro in einem Scorsese spielen würde, also ziemlich gut.
strake regie von robbins... starke story, starke sarandon und eiin unvergessliche sean penn.