«Antikörper» beginnt beklemmend und mit einem grossen Action-Knall. Zwei alarmierte Polizisten werden von einer alten Frau auf Schreie aus der oberen Wohnung aufmerksam gemacht. Deren Klopfen wird mit einer Ladung Schrot beantwortet, die neben der halben Türe auch einen der Polizisten mitreisst. Nach dem Eintreffen der Spezialeinheit gerät die Situation vollends ausser Kontrolle. Während der wilden Schiesserei gelingt dem als angeblichen Serienkiller identifizierten Gabriel Engel (André Hennicke) eine atemberaubende Flucht. Doch der gerissene Kommissar Seiler (Heinz Hoenig) pokert richtig, buchtet Engel ein und kassiert die Lorbeeren. Damit fängt «Antikörper» aber erst richtig an und wandelt sich mehr und mehr zum psychologischen Alptraum. Denn durch die Festnahme wird ein alter ungelöster Mordfall wieder aufgerollt: Ein brutaler Mord an einem kleinen Mädchen, der einem kleinen Dorf, seinen Einwohnern und dem Dorfpolizisten Martens (Wotan Wilke Möhring) seither keine Ruhe gelassen hat.
Nach dem sehr dynamischen und actionreichen Beginn ist man bei der ersten Dialogszene schon fast überrascht, dass hier Deutsch gesprochen wird. Sind doch kinotaugliche Thriller aus Deutschland eine Seltenheit. Mutig also, wenn sich ein so junger Regisseur wie Christian Alvart an einen Genrefilm wagt und dabei sogar das Drehbuch selber verfasste.
Neben Alvarts gutem Skript, hat der Film sein Gelingen sicher auch den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. André Hennicke («Der Untergang») spielt den mit kühler Berechnung und unterschwelligem Wahnsinn agierenden Serienkiller Engel so überzeugend, dass es einem immer wieder kalt den Rücken runter läuft. Sein Gegenspieler Martens wird von Wotan Wilke Möhring mit einer unglaublichen Intensität gespielt, ohne dabei jemals an Glaubhaftigkeit einzubüssen. Völlig vergriffen hat sich Alvart aber mit der Figur von Kommissar Seiler. Sein Grossstadt-Polizisten-Gehabe ist mit Klischees überhäuft und so voll dummer Dialogzeilen, dass man sich bei einigen Szenen zwischen «Landei» Martens und «Dirty Harry» Seiler an eine billige Seifenoper erinnert fühlt.
«Antikörper» ist brutal, doch das Grauen spielt sich wie bei seinen Vorbildern «Seven» oder «The Silence of the Lambs» vor allem in den Köpfen der Zuschauer ab. Die Parallelen zwischen dem Psychopathen Engel und Hannibal Lecter (Anthony Hopkins), die beide ihr dreckiges Psycho-Spiel aus der Gefängniszelle führen, sind nicht zu übersehen - obwohl Engel in einem Anflug von Selbstreflexivität meint, dass er eben kein Hannibal Lecter sei. Doch Alvart hat klug aus dem Fundus der Hollywoodschen Serienkillerfilme geklaut und glücklicherweise genügend eigene gute Ideen in den Film eingebracht. «Antikörper» wird so zur willkommenen Abwechslung gegenüber seinen unterdessen etwas eingerosteten Hollywood-Vorbildern.