CH.FILM

Schwarzarbeit Schweiz 2022 – 109min.

Filmkritik

Im Schatten der Legalität

Gaby Tscharner
Filmkritik: Gaby Tscharner

Ulrich Grossenbachers grossartiger neuer Dokumentarfilm wirft ein Licht auf den wenig bekannten Beamtenberuf des Arbeitsmarktinspektors, der auf der Suche nach Schwarzarbeitern in der Schweiz viel grössere Missstände aufdeckt.

In einer Baracke auf einer Baustelle irgendwo im Kanton Bern sitzt Stefan Hirt, Chefinspektor der Arbeitsmarktkontrolle, einem jungen Büezer gegenüber, der in Tränen ausbricht. «Sorry, Chef, bitte gib mir noch eine Chance» fleht er. Hirt ist ein massiver, Autorität einflössender Mann mit einem grossen Herzen. Er erwägt, ein Auge zuzudrücken und den schluchzenden illegalen Bauarbeiter wegrennen zu lassen, nachdem er seine Daten und die seines Arbeitgebers aufgenommen hat. Er fragt seine Kollegin Regula Aeschbacher, ob das für sie okay sei. «Haben wir eine Wahl», fragt sie ihren Partner. «Die haben wir immer», erwidert Hirt. Ihm ist es wichtiger, die Leute zu fassen, die den Illegalen für einen Hungerlohn beschäftigen. Aber als der Schwarzarbeiter keine korrekten Informationen liefert, verliert er Hirts guten Willen. Die Polizei wird gerufen und der Mazedonier, der mit einem Touristenvisum in die Schweiz eingereist ist, wird in Handschellen abgeführt. Die Szene geht unter die Haut.

Der Film «Schwarzarbeit» ist eine Offenbarung. Die meisten verstehen unter Schwarzarbeit gelegentliche Nebenjobs, jedoch ist der Begriff rechtlich anders definiert: «Unter Schwarzarbeit werden verschiedene Formen der Missachtung arbeitsbezogener Melde- und Bewilligungspflichten verstanden», heisst es auf der Webseite des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft. «Im Allgemeinen geht es um das Sozialversicherungs-, Ausländer- und Steuerrecht.» Aber solche rechtliche Definitionen kommen im Film nicht vor. Dieser fokussiert sich vollumfänglich auf die Menschen, die illegalen Arbeiter und die Beamten, die sie aufstöbern sollen. Und diese entsprechen so gar nicht dem Bild, das wir aus den Medien haben. Die Schwarzarbeiter sind keine abgebrühte Kriminelle, die das System ausnützen, sondern Familienväter, die ihre Kinder in der Heimat unterstützen. Und die Inspektoren sind keine herzlosen Vollstrecker. Hirt, Aeschbacher und die meisten ihrer Kollegen sind sensible Mitmenschen, die von Empathie geleitet werden.

Die Inspektoren der Arbeitsmarktkontrolle besuchen Baustellen, Restaurants, Supermärkte und gehen privaten Pflegehaushalten nach, wo Leute nicht nur illegal beschäftigt, sondern regelrecht ausgebeutet werden. Einer der ersten Fälle ist ein Supermarkt, wo ein sogenannter Manager ganz alleine ein Lebensmittelgeschäft führt. Für 550 Franken im Monat «Grundlohn» arbeitet er sieben Tage die Woche, ohne Überzeit-, Ferienentschädigung oder 13. Monatslohn. Sein dubioser Arbeitgeber weiss genau, dass die Bezeichnung «Manager» den Angestellten von den Regeln des Obligationsrechts freistellt. Später treffen die Beamten Frédy Geiser und Regula Aeschbacher auf eine Altenpflegerin, die in einem Haushalt 24 Stunden pro Tag abrufbereit sein muss, bezahlt wird sie aber nur für 6,5 Stunden. Ungerechtigkeiten, die wir in der Schweiz kaum für möglich halten. Unterbrochen werden diese sehr persönlichen Schicksale durch Auftritte verschiedener Politiker wie Corrado Pardini, Nationalrat und Gewerkschafter, der verhindern will, dass der Druck der Europäischen Union die hart erkämpften Lohnschutzmassnahmen der Schweiz unterwandert.

Der Film hat auch seine «Bösewichte». Neben den kriminellen Arbeitgebern, von denen keiner seine Einwilligung gab, gefilmt zu werden, werden der FDP-Politiker Ignazio Cassis, der das Schweizer Lohnschutzsystem in den Verhandlungen mit der EU in Frage stellte und damit kläglich scheitere, oder Alt-Bundesrat Christoph Blocher, der noch immer gegen alles Soziale Polemik macht, als «das Problem» dargestellt. Auch unter den Inspektoren gibt es einen glatzköpfigen Ex-Polizisten, der sich nicht nur mit den Illegalen, sondern auch gerne mit seinem eingebürgerten Beamtenkollegen, den er nicht als Eidgenossen sehen will, anlegt. Als ihm ein Schwarzarbeiter durch die Latten geht, meint der Inspektor: «Du kannst halt nicht allen auf den Hals knien». Ob er sich damit auf den Polizisten Derek Chauvin bezieht, der vor zwei Jahren in den USA mit seinem Knie das Leben aus George Floyd herauspresste, wird zwar nicht erörtert. Aber leichte Parallelen zu amerikanischen ICE Agenten, die Illegale in den USA oft mit Kaltblütigkeit und Gewalt deportieren, kommen auf.

Die meisten hier gezeigten Beamten erkennen jedoch, dass die «Schwarzarbeiter» die Opfer der Nepper, Schlepper und durchtriebenen Arbeitgeber sind, die den Illegalen kaum etwas bezahlen und damit grosse Kohle machen. Kein Vertreter dieser Organisationen hat den Mut, in diesem Film aufzutreten. «Deren Busse ist, im Vergleich zur Strafe, die der Arbeiter erhält, lächerlich», ärgert sich Frédy Geiser auf einem seiner Einsätze. «Die machen alle gleich wieder weiter. Da fällt es mir manchmal schwer, noch Motivation für meinen Job zu finden.»

27.04.2022

4.5

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Kommentare

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svenja_savioz

vor einem Monat

Geht nicht in die Tiefe. Kameraführung Note 3.5


svenja_savioz

vor einem Monat

Zu wenig Tiefe, zu viele aneinander gereihte Einzelereignisse.


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