Willkommen in Siegheilkirchen Österreich, Deutschland 2021 – 85min.

Filmkritik

Sexuelles Erwachen auf dem Dorf

Filmkritik: Teresa Vena

Manfred Deix war ein bekannter und geschätzter österreichischer Karikaturist und Querkopf, dessen Leben und umfangreiches Werk als Vorlage für den Animationsfilm Willkommen in Siegheilkirchen dient. Der Film ist sowohl Coming-of-Age-Geschichte als auch Gesellschaftssatire, die sich mit ihrem eher derben Humor eindeutig an Erwachsene richtet.

Es sind die 1960er Jahre im fiktiven österreichischen Dorf Siegheilkirchen. Rotzbub (Stimme von Markus Freistätter), wie der Protagonist der Geschichte von allen genannt wird, geht nicht gerne zur Schule. Dort hat nämlich der strenge Pfarrer (Juergen Maurer) das Sagen, der genauso wie die meisten anderen Erwachsenen im Ort ein bigottes, machistisches und fremdenfeindliches Verhalten an den Tag legt. Ablenkung sucht Rotzbub, der sein sexuelles Erwachen erlebt, in seinen erotischen Zeichnungen, für die er sich von den üppigen Formen seiner Nachbarin (Adele Neuhauser) inspirieren lässt. Damit unterhält er seine Freunde und bessert sein Taschengeld auf. Als die hübsche Mariolina (Gerti Drassl) nach Siegheilkirchen kommt, verliebt er sich in sie und möchte sie beeindrucken. Ihre Familie gehört aber zu den Fahrenden, die von den anderen misstrauisch und abweisend behandelt werden. Schliesslich liegt es auch an Rotzbub, die Pläne, die Fahrenden unsanft loszuwerden, zu vereiteln.

Willkommen in Siegheilkirchen ist ein Animationsfilm für Erwachsene, durchgehend geprägt von wenig subtilem Sexual- und Fäkalhumor, der einige Male droht, die Grenze zur Geschmacklosigkeit zu überschreiten. Der bayerische Regisseur Marcus H. Rosenmüller und der Spanier Santiago López Jover haben darin nicht nur die Bilderwelt des in Österreich als kultige Figur geltende Karikaturisten Manfred Deix zum Leben erweckt, sondern sich auch von dessen eigener Lebensgeschichte inspirieren lassen. Deix, der 2016 gestorben ist, gehörte der Nachkriegsgeneration an, die mit Eltern und in einer Gesellschaft aufwuchs, die von heftigen Modernisierungskonflikten geprägt war. Das Krisenhafte des Zustandes äusserte sich entweder in einer lähmenden Frustration, wie es der Vater (Gregor Seberg) des Rotzbubs in der Geschichte erlebt, der sich mit dem Hungerlohn zufrieden gibt, den er als Wirt verdient, oder in einer eher selbstgerechten, rücksichtslosen Haltung, wie sie die Figur des Bürgermeisters (Karl Fischer) verkörpert.

Solange sich der Stoff auf die Beschreibung dieser spezifischen Zeit und der damit verbundenen Wertevorstellungen konzentriert, funktioniert der Film am besten. Doch in der zweiten Hälfte wird die Handlung immer aktionistischer, zielt auf ein grosses, explosives Finale hin und verliert damit an Relevanz. Die melancholische Stimmung, die der Film zwischenzeitlich erzeugt, gestützt durch die sorgfältige Zeichnung der Kulissen und die fahlen, aber warmen Farben, kontrastiert mit dem grundsätzlich kruden und derben Haupttenor des Films. In Inhalt und Ästhetik erinnert Willkommen in Siegheilkirchen an die Werner-Reihe von Rötger Feldmann alias Brösel oder an Filme wie Das kleine Arschloch nach der Comicreihe von Walter Moers.

06.12.2021

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Kommentare

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Patrick

vor 2 Monaten

Habe Rotzbub ebenfalls am ZFF.21 gesehen der Filmemacher:Marcus H Rosenmüller und der Produzent des Filmes waren vor Ort.Rotzbub ist einfach köstlich von A-Z fängt schon Goldig mit dessen Geburt an.Ich habe mir einige Filme am Zürich Film Festival 2021 angesehen aber Rotzbub war mein Lieblings Film von disjährigen Festival.Fazit:Ansehen & Ablachen!Mehr anzeigen


cathline2

vor 2 Monaten

Wir waren heute am 17. ZFF, an der Gala Premiere von "Siegheilkirchen" (Rotzbub). RIchtig gut gemachter Animations/Trickfilm für Erwachsene. Überraschend witzige und lustige und satirische Story. Genau wie es in den 60er auf dem Land war. Fantastische Zeichnungen. Einfach ein wunderbarer Film mit Herz.Mehr anzeigen


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