Pleasure Frankreich, Niederlande, Schweden 2021 – 105min.

Filmkritik

Die Pornoindustrie im feministischen Modus

Sven Papaux
Filmkritik: Sven Papaux

Was für ein erstaunlicher Film. «Pleasure» von Ninja Thyberg trägt den Stempel Cannes 2020 und erzählt vom Aufstieg einer 20-jährigen Schwedin, die alles tut, um in der Pornobranche in Los Angeles Fuss zu fassen. Achtung, lassen Sie Ihren Scham an der Garderobe.

Die junge Schwedin Linnéa (Sofia Kappel) alias Bella Cherry kommt nach Los Angeles, um in der Filmindustrie für Erwachsene Karriere zu machen. Ein brennender Wunsch, die Blicke auf sich zu ziehen und ganz oben in der Geschäftspyramide zu landen. Doch diese Entschlossenheit katapultiert sie in ein toxisches Milieu, in dem Vergnügen nicht mehr existiert oder nur noch ein flüchtiges, vulgäres Gefühl ist.

Und es gibt Grund genug, gleich zu Beginn überrascht zu sein. Ninja Thybergs Arbeit dreht sich um ein ganz bestimmtes Thema: Sexualität als Prisma für soziale Leidenschaften. In der Pyramide durch Koitus, durch gefilmte Masturbation aufzusteigen – die Regisseurin drückt die Grausamkeit dieses Milieus aus. Sie beschreibt die erschreckend verstörende Branchenseite, die manchmal sogar erschöpfend anzuschauen ist. Sofia Kappel vermittelt dieses Gefühl der Transgression und den Wunsch, durch körperliche Leistung zu existieren. Nun, hinter diesem Film verurteilt Thyberg ihr Thema nie. Sie versucht nicht, einen pathologischen Grund oder das berühmte «daddy issue»-Syndrom in das Gespräch zu bringen. Niemals. Linnéa hat einfach einen Drang, sich in diese Branche zu begeben.

Bella entdeckt die Tricks, zunächst dank ihrer Mitbewohnerin Joy (Revika Anne Reustle), und vor allem lernt sie, Verantwortung zu übernehmen – koste es, was es wolle. Eine feministische Parabel in dieser schäbigen Branche, die Bella entfremdet. Wie eine Hochleistungssportlerin wächst der Kult um die Leistung unwiderruflich. Das Training wird zur Obsession, um die Karriereleiter hinaufzuklettern. Die junge Schwedin mit den 25 Tattoos beginnt einen Prozess der emotionalen Versenkung, um die Blicke der grössten Produzenten auf sich zu ziehen. Doch ihr Wunsch nach Popularität wird auf eine harte Probe gestellt: Ein einfaches Telefonat mit ihrer Mutter macht ihr bewusst, wie weit sie noch gehen muss. In einem Augenblick kristallisiert sich alles in ihrem Inneren heraus, mit der wunderbaren Fähigkeit, sich der Arbeit hinzugeben. Missbrauch und Akzeptanz ist die Formel, die die junge, fest entschlossene Frau verfolgt. Der Aufstieg ist mit (körperlichen) Opfern gepflastert, und wichtig ist immer vor Auge zu haben, dass die Erwartungen makellos erfüllt werden müssen.

Für den Zuschauer ist die Situation schwer zu ertragen. Aber hinter dem Determinismus gibt es eine Frau, die ihre Naivität ablegt, um sich eine Freiheit zu erkämpfen. Doch hinter den gewagten Szenen steht Linnéas Verwandlung in eine neue, selbstbewusste und mutige Frau, die sich einen Platz an der Spitze sichern will - und das Beispiel ist in jeder Branche anwendbar. Hier kommt eine weit weniger glanzvolle Vision ins Spiel: die Ausbeutung der Frau ohne ihre wirkliche Zustimmung oder ihre erzwungene Zustimmung.

Eine schöne Lektion über den allgemeinen Zustand der Frau und ihre unermüdliche Selbstaufopferung, um ihre Ziele zu erreichen.

Übersetzung aus dem Französischen von Sven Papaux durch Alejandro Manjon.

04.01.2022

3.5

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Kommentare

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Tianovic

vor 3 Monaten

Ihr Schlusswort sagt alles:
„Bitte anhalten; ich möchte aussteigen!“
Hoffentlich zeigte sie den Kerl, der ihre Freundin diskriminierte an.
Aber der Film erzählt auch, wie weit man gehen würde. Bella tat nicht immer das Richtige, aber das machen wir ja auch nicht.
Immerhin wusste sie es am Schluss…
Zusammenfassend kann man sagen, wie gehst du für dich? Bist du breit, deine Seele für Alles zu verkaufen…. Traurig, aber wahr 😢😢😢Mehr anzeigen


miriam_moretti

vor 3 Monaten

Beeindruckend. Filmisch sehr gut gemacht, Musik top passend, Hauptdarstellerin spielt mega. Man wird sofort in dieser (für mich unbekannten) Welt katapultiert... dafür muss man aber bereit sein d.h. sich mental vorbereiten darauf ;-)


thomasmarkus

vor 4 Monaten

Verstörend. Und eben grad nicht voyeuristisch: Mann (auch Frau wohl) möchte oft lieber weggucken.
Ein Soziologe sagte mal sinngemäss:
"Früher wollten die Leute in den Himmel kommen, heute wollen sie ins Fernseh kommen."
Könnten wir übertragen: Wichtig sind Follower. Auch wenn ich mir dabei selbst abhanden komme.
Der Film klagt aber nicht an. Und zeigt die berührendesten Szenen oft dann, wenn es -noch nicht- "zur Sache geht".Mehr anzeigen

Filmenthusiast

vor 4 Monaten

Wieviele hast du schon?

Tianovic

vor 3 Monaten

Ich habe den Film geschaut um zu verstehen, von daher gut gemacht…


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