Hit the Road Iran 2021 – 93min.

Filmkritik

Reise ohne Wiederkehr

Filmkritik: Eleo Billet

Panah Panahi, der bis anhin an den Filmen seines Vaters Jafar Panahi mitgearbeitet hatte, tauschte für seinen ersten Spielfilm die Schnittaufgaben gegen die Arbeit vom Regisseur und Drehbuchautor ein. «Hit the Road» ist ein kleines Wunder, das der Zensur entgeht und uns mit wunderschönen iranischen Landschaften beglückt, die ein herzzerreissendes Familiendrama umhüllen.

Unter dem Vorwand, in einer abgelegenen Region vom Iran einen Dokumentarfilm zu drehen, macht der Regisseur die Steppen und hohen Berggipfel zum Schauplatz seiner bittersüssen Reise. Obwohl es sich nicht um seine eigene Geschichte handelt, lässt sich Panah Panahi dennoch vom Schicksal Tausender iranischer Jugendlicher inspirieren, die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, um künftiger Verfolgung zu entgehen. Der Grund für die überstürzte Abreise bleibt unklar durch den ganzen Film. Aber der Grund spielt auch keine Rolle, zumal er mit Lügen bestickt ist, um den jüngeren Sohn zu beschützen. Nur die verschlossenen Mienen oder von Tränen getrübten Gesichter versuchen, ein zerknirschtes Lächeln aufzusetzen. Selbst wenn die Familie auf andere Menschen trifft, die denselben Schmerz durchleben, kann sie ihren Schmerz nur in ihrer Mitte teilen, als wären sie Sternen im All, die nie zusammenkommen können.

Um die Verzweiflung abzuwenden, ist also jedes Mittel recht: Von kindischen Streitereien bis hin zu peinlichen Kindheitserinnerungen. Der jüngste Sohn übernimmt eine komödiantische Rolle mit seinem Enthusiasmus, welche im Kontrast zu der trüben und allgegenwärtigen Stimmung des Filmes steht. So beginnt der Film mit der Suche nach einem Telefon, das der Kleine in seiner Unterwäsche versteckt. Später werden die Erlebnisse der Familie immer dramatischer, je weiter sie im Auto fahren. Ein umgekipptes Fahrrad, ein vermummter Motorradfahrer oder ein mysteriöses Schaffell - all diese Ereignisse sind letztendlich sinnlos. Das, was zählt, ist nur die Emotion in der Gegenwart.

Der Schmerz der Charakteren führt zu einer geistlichen Träge, wenn die Schubert-Sonate zum zigsten Mal Blick in der Leere erklingt. Aber dieses Leitmotiv ist letztlich nur eine unbeholfene Geste in einem Werk voller Poesie. Selbst die Anspielungen auf «2001: Odyssee im Weltraum» würde frischen Wind bringen, wenn sie nicht durch den von den jüngeren Sohn erträumten «Batman» auf schelmische Weise ausgeglichen würde.

Schließlich ist der Tod hier ein Damoklesschwert, da die Familie trotz aller Bemühungen, eine Beerdigung durchführen muss, die sowohl erschütternd ist als auch weitere Abschiede symbolisiert. Es bleibt also nichts anderes übrig, als nach vorne zu schauen, koste es, was es wolle, selbst wenn das Auto rückwärts fährt.

Übersetzung aus dem Französischen von Elleo Billet durch Alejandro Manjon.

18.07.2022

4

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