Fabian oder der Gang vor die Hunde Deutschland 2021 – 176min.

Filmkritik

Kästners «Fabian» geht furios vor die Hunde

Filmkritik: Walter Rohrbach

Wohin führt uns diese Fahrt in der gelben Berliner U-Bahn? Zu Fabian dem versoffenen Moralisten, der uns sogleich ins Bordell mitnimmt. Aber was hatte die Frau wohl mit ihm vor? Sie nahm ihn mit nach Hause, wo bereits ihr Ehemann mit einem Vertrag wartete: Die Welt gerät aus den Fugen!

«Fabian war 32 Jahre alt und hatte sich nachts fleissig umgetan, auch dieser Abend begann ihn zu reizen». Es sind die Worte aus Erich Kästners Erfolgsroman «Fabian», welche den Film einleiten und bereits jetzt den Zuschauer auf wundersame Weise in die Zwischenkriegszeit mitnehmen: Der Roman wurde 1931 erstmals veröffentlicht, unterlag damals der Zensur und wurde 2013 von Sven Hanuschek als Rekonstruktion der Urfassung, damals noch mit dem Titel «Der Gang vor die Hunde», neu herausgegeben. Ein Anlass für den Regisseur Dominik Graf dieses Werk neu zu Verfilmen. Inzwischen zählt „Fabian“ zu den bedeutendsten Romanen des 1974 verstorbenen Autors, der literarisch den seelischen Untergang Deutschlands, anhand der Skizzierung der deutschen Hauptstädter kurz vor Hitlers Machtergreifung, porträtiert. Der Roman war bereits bei seiner Erscheinung ein Publikumserfolg und verkaufte sich wenige Monate nach seiner Veröffentlichung mehr als dreißigtausendmal.

Fabian erzählt die Geschichte des promovierten Germanisten Jakob Fabian, der Anfang der dreissiger Jahre die Nächte Berlins durchzecht und dabei so manches Schräges und Sonderbares aufspürt. Einem Zeitzeugen gleich taumelt Fabian, bei seinen Streifzügen durch Bordelle, Künstlerateliers und illegalen Kneipen, dem Zerfall der Weimarer Republik entlang und wird immer wieder mit dem «Unmoralischen» konfrontiert. Seine Nächte sind verrückt, versoffen und voller hemmungsloser Genusssucht und sie spucken den zarten Fabian (gespielt von Tom Schilling) am nächsten Morgen wieder in sein möbliertes Zimmer in der Schaperstrasse aus. Häufiger Begleiter seiner Eskapaden ist sein bester Freund, der sensible Literaturwissenschaftler Dr. Labude (Albrecht Schuch). Als dann die junge Schauspielaspirantin Cornelia (Saskia Rosendahl) in Fabians Leben tritt, muss er wichtige Entscheidungen treffen.

Mit knapp drei Stunden – die Verfilmung soll in etwa so lang dauern, wie man zum Lesen des Buches braucht – muss man sich etwas Zeit nehmen. Eine Investition die sich aber lohnt. Grafs Verfilmung ist nämlich absolut gelungen und trägt ausgezeichnet die Atmosphäre der literarischen Vorlage: ein unglaublich interessanter und frisch anmutender Film, mit einer spürbaren Chemie zwischen dem ausgezeichneten Cast, in Szene gesetzt mit einer Abfolge von stimmigen Schnitten, unterschiedlichsten Formaten (Schwarz-Weiss, HD, Super 8). Fabian ist trotz des Alters der Romanvorlage etwas für die Gegenwart: es ist die Auseinandersetzung mit einer unverstandenen Welt, getrieben von der Suche nach Liebe, Arbeit und Sinn. Und dann ist mit Tom Schilling ein Schauspieler in Aktion, der Fabian exzellent verkörpert: abgeklärt und doch verletzlich, mit einer Neugier aufs Leben, aber gleichzeitig vom Zweifel beherrscht, fragend ob diese Welt überhaupt das «Talent zur Anständigkeit» hat. Auch dies übrigens ein sehr aktuelles Thema.

16.04.2021

4.5

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