Cry Macho USA 2021 – 104min.

Filmkritik

Alter Mann, Junge und Hahn on the road

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Egal, was man von Clint Eastwood, seinen Filmen und seinen oft konservativen Ansichten halten mag – beeindruckend ist es allemal, dass sich der Hollywood-Veteran auch mit über 90 Jahren noch auf den Regiestuhl setzt und eine weitere Hauptrolle übernimmt. Sein neuester Streich ist die Romanadaption Cry Macho, die den Leinwandrecken mal wieder als Cowboy zeigt.

Mike Milo heisst der knorrige, leicht gebückt gehende alte Mann, den Eastwood hier mit der stoischen Haltung spielt, die er über die Jahre schon so vielen Westernfiguren verliehen hat. Erstmals begegnen wir diesem gebrechlichen Ex-Rodeo-Helden im Jahr 1979. Ausgerechnet an dem Tag, an dem er von seinem Arbeitgeber, dem Ranchbesitzer Howard Polk (Dwight Yoakam), kurz und schmerzlos entlassen wird. Mike, das legt die Unterhaltung nahe, ist seit einiger Zeit nicht mehr zuverlässig und hat sich zu sehr dem Alkohol verschrieben. Seine selbstzerstörerische Ader hängt, so erfahren wir, mit dem Unfalltod seiner Ehefrau und seines Sohnes zusammen, über den Milo nur in einem kurzen, aber eindringlichen Moment im Mittelteil konkreter spricht.

Ein Jahr nach der Entlassung wendet sich ausgerechnet Howard an seinen früheren Mitarbeiter, bei dem er angeblich noch etwas guthabe. Mike soll für ihn nach Mexiko-Stadt fahren und seinen Teenagersohn Rafael (Eduardo Minett) nach Texas bringen, da dieser bei seiner Mutter Leta (Fernanda Urrejola) Misshandlungen ausgesetzt sei. Zögerlich willigt der ehemalige Spitzenreiter ein und macht sich auf den Weg ins Nachbarland. Wer an dieser Stelle an einen zweiten Rambo: Last Blood denkt, wo Sylvester Stallone in seiner Paraderolle ein Drogenkartell aufmischt und eine junge Frau aus den Fängen der Gangster befreit, ist auf dem falschen Dampfer. Eastwood, der immerhin 16 Jahre mehr auf dem Buckel hat als sein Schauspielkollege, unternimmt erst gar nicht den Versuch, Mike als eine – wenn auch klapprige – Ein-Mann-Armee zu inszenieren.

Staunen kann man sicherlich darüber, wie leicht es dem Senior nach seiner Ankunft in der mexikanischen Metropole gelingt, Rafael ausfindig zu machen und für eine Reise in die Vereinigten Staaten zu begeistern. Zwei Männer, heisst es, seien vor ihm an dieser Aufgabe gescheitert – eine von mehreren wackeligen Behauptungen des Drehbuchs, das aus der Feder von Nick Schenk und N. Richard Nash, dem Autor der gleichnamigen Romanvorlage, stammt. Ohne dass er grossen Aufwand betrieben hätte, scheint Milo ans Ziel zu kommen. Doch dann macht ihm Leta einen Strich durch die Rechnung. Ihr Sohn bleibe bei ihr, bekräftigt sie in einer Szene mit Fremdschampotenzial, in der sie einen unmotivierten, für die Geschichte in keiner Weise relevanten Verführungsversuch unternimmt. Der in die Jahre gekommene Protagonist lehnt dankend ab, wird daraufhin aus dem Haus geworfen und tritt unverrichteter Dinge die Heimreise an. Als er Mexiko-Stadt längst hinter sich gelassen hat, entdeckt er auf der Rückbank Rafael zusammen mit dessen stolzem Kampfhahn Macho. Nach einem kurzen Disput geht es zu Dritt in Richtung US-Grenze.

Der Film flirtet mit den Möglichkeiten einer sich langsam zuspitzenden Flucht. Immerhin schickt Leta einen Handlanger (Horacio Garcia Rojas) hinterher, um ihren Sohn wieder einzusammeln. Tatsächlich umgeht Cry Macho echte Spannungsmomente aber konsequent. Zieht doch einmal Gefahr auf, ist sie in Windeseile wieder verflogen. Die meisten Wendepunkte des nicht gerade ausgeklügelten Plots wirken ernüchternd ungelenk und hinterlassen keine grosse Wirkung.

Ein eigenwilliger Charme und eine stimmungsvolle Note geht allerdings immer dann von der Romanadaption aus, wenn die Handlung stillsteht, wenn wir den Figuren dabei zusehen, wie sie mitten in der Wüste eine Ruhepause einlegen. Im zweiten Akt gibt es eine ausgedehnte, erfrischend entschleunigte Passage in einem mexikanischen Dorf, die Mike und Rafael zusammenwachsen lässt und ein wohliges Gemeinschaftsgefühl zwischen den beiden Neuankömmlingen und den Einheimischen, besonders der Lokalbesitzerin Marta (Natalia Traven), heraufbeschwört. Stärkster Ausdruck des gegenseitigen Verständnisses ist der Augenblick, in dem ein gehörloses Mädchen seine Hand auf die zerfurchte Pranke des früheren Rodeo-Stars legt. Eastwood, der in so vielen Filmen den harten Kerl gegeben hat, zeigt sich hier, zumindest phasenweise, von seiner warmherzigen, empfindsamen Seite und kommentiert an einer Stelle mit der nötigen Portion Selbstironie Rafaels Aussagen über Männlichkeit und Stärke. Die ganze Machosache sei überbewertet, heisst es da, womit der legendäre Darsteller und Filmemacher natürlich auch Bezug auf sein Image und seine Karriere nimmt.

Cry Macho könnte eine kleine Perle des Innehaltens und leisen Reflektierens sein. Nicht zuletzt, weil Eastwood mit reduzierter Miene und sparsamen Gesten mehr Charisma versprüht als so mancher jüngere, agilere Schauspieler. Das holprig erzählte Roadmovie greift jedoch wiederholt in die Klischeekiste und trifft nicht immer den richtigen Ton – weshalb am Ende gemischte Gefühle überwiegen.

22.10.2021

3

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Kommentare

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Swisscheese

vor 14 Tagen

Angenehmer roadmovie, etwas kitschig aber nie langweilig


as1960

vor einem Monat

"Cry Macho": Der Macho der am meisten weint dürfte wohl Clint Eastwood selbst sein, wenn er sieht wie schwach sein Film geworden ist. In dem Roadtrip soll Eastwood einen mexikanischen Jungen zu einem Vater nach Texas bringen. Die guten, ruhigen Töne bleiben in der klebrigen Geschichte stecken, und so bleiben schöne Landschaftsaufnahmen und das Charisma des Altmeisters.. Sicherlich eines der schwächsten Werke von Clint Eastwood.Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor einem Monat


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