Copilot Frankreich, Deutschland 2021 – 122min.

Filmkritik

Liebe macht blind

Filmkritik: Teresa Vena

Asli ist über beide Ohren in Saeed verliebt. Auch wenn sie merkt, dass er sich verändert und deswegen nicht nur für ihre gemeinsame Beziehung, sondern für viel mehr Menschen darüber hinaus zur Gefahr werden könnte, entscheidet sie sich, loyal zu ihm zu bleiben. Anne Zohra Berrached sucht nach der Verantwortung in der Liebe.

Als sich Asli (Canan Kir) und Saeed (Roger Azar) kennenlernen, ist es Liebe auf den ersten Blick. Sie ist Deutschtürkin, er stammt aus dem Libanon und möchte in Deutschland seinen Traum, ein Pilot zu werden, verwirklichen. Asli unterliegt seinem selbstsicheren Auftreten und, voller jugendlichem Übermut heiratet sie ihn heimlich gegen den Willen ihrer Mutter. Zwei Jahre lang leben die beiden glücklich, genügen sich gegenseitig. Doch allmählich verändert sich Saeed, und im dritten Jahr ihrer Beziehung verschwindet er plötzlich, nachdem er gesagt hatte, er würde in die Heimat reisen. Asli befällt ein ungutes Gefühl, sucht nach ihm, doch wagt sie es nicht, ihren wahren Verdacht auszusprechen, der nicht nur eine Gefahr für ihr eigenes, sondern auch für das Leben vieler anderer bedeuten würde.

Anne Zohra Berrached, die zuletzt in ihrem Abtreibungsdrama «24 Wochen» unbequeme Fragen aufgeworfen hat, die sich zwar aus einem Einzelschicksal ergeben, aber die Gesellschaft als Ganzes betreffen, liess sich für «Copilot» von den Attentaten des 11. Septembers 2001 inspirieren. Ihre Protagonisten sind der eine Pilot, der im echten Leben auch Saeed hiess, der eines der Flugzeuge steuert, das in die Zwillingstürme des World Trade Centers flog, und seine Frau. Aus der Perspektive der letzteren erzählt der Film in erster Linie von einer Liebesbeziehung, in der die emotionale Abhängigkeit derart ist, dass Asli zwar die gefährliche Veränderung ihres Mannes bemerkt, aber sich nicht gegen ihn entscheiden kann. Passend zum Titel des Films fühlt sie sich dennoch dafür verantwortlich, im Grunde fast so sehr, als ob sie ihn in seinem Vorhaben unterstützt hätte.

Abgesehen davon, dass dieses Drama bereits in seiner Form, beginnend mit der sehr nervösen Kamera, wegen einem Mangel an Kohärenz nicht wirklich überzeugen kann, lässt einen das Werk auch in Bezug auf die Wahl des Stoffes stutzen. Man könnte nämlich die Herangehensweise als eine Verharmlosung des Themas ansehen, oder man fragt sich an sich, weswegen einer solchen Figur, herausgegriffen aus vielen ähnlichen, derartige Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Der Versuch, sich der Geschichte durch einen subjektiven Ansatz zu nähern, führt zu einem als manipulativ oder wenigstens nur wenig subtil empfundenen Resultat.

Der Prozess der Radikalisierung, der sich im Hintergrund der Handlung abspielt, erhält nur wenig Bedeutung. Im Vordergrund steht vielmehr das Gefühlschaos der Protagonistin, die an der Vorstellung einer romantischen Liebe festhält, die vom Partner eine absolute Loyalität verlangt. Es wirkt fast so, als würde die Regisseurin ebenfalls dieser verklärten Vorstellung, die sich mit dem ausgelaugten Sprichwort «Liebe macht blind» übersetzen lässt, erliegen.

05.11.2021

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Kommentare

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thomasmarkus

vor einem Monat

Zum Glück hab ich vorgängig keine Kritiken gelesen.
Und schwierig, zu kommentieren, ohne zu spoilern.
Wie auchh immer: Bis fast am Schluss hätte der Film auch heute spielen können.
Insofern überraschender Schluss.
Und: Die Schlussszene im Lift hat es in sich!

(was den Chauvinismus betrifft, kenn ich aus meinem orientalischen Freundeskreis:
Türken und Arababer mögen sich oft nicht sehr.
Und wer schon arabische Gäste in Istanbul erlebt hat, versteht türkische Hoteliers,
die diese Gäste ungern aufnehmen.
Ich kanns mit beiden - und die Familienszenen im Libanon zeigen einen ganz eigenen, fast schon 'sexy' Islam)Mehr anzeigen


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