107 Mothers Tschechische Republik, Slowakei, Ukraine 2021 – 90min.

Filmkritik

Erzählerische Brüche

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

«107 Mothers» ist ein ungewöhnlicher Film, weil er eine Mixtur aus Spielfilm und Dokumentation darstellt. Es gibt den fiktiven Teil der Handlung, aber auch die Szenen mit echten Insassinnen, die von ihren Taten berichten. Das funktioniert nur bedingt – eine Konzentration auf das eine oder das andere hätte den Film stärker gemacht.

Leysa wird zu sieben Jahren Haft in einem Frauengefängnis in Odessa verurteilt, nachdem sie ihren Mann aus Eifersucht getötet hat. Im Gefängnis kommt ihr Sohn Kolya zur Welt, womit auf Leysa auch eine schwere Entscheidung zukommt: Sie kann ihren Sohn entweder zur Adoption freigeben und ihn wahrscheinlich nie wieder sehen, oder aber von einem Familienmitglied adoptieren lassen, damit der Junge zumindest in der eigenen Familie aufwächst. Aber ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihrer Schwester, die in prekärer Situation leben, ist ziemlich schlecht. Die einzig gute Wahl scheint ihre trauernde Schwiegermutter zu sein …

Zuerst denkt man, der Fokus des Films liege auf Leysa. Das wäre auch sinnvoll gewesen, da in ihrer Geschichte ein starkes Drama steckt, aber der Film ist immer wieder von ihr losgelöst, wenn er sich um die echten Insassinnen kümmert, aber auch um die Beamtin, die mit ihnen spricht. «107 Mothers» zerfasert dabei ausgesprochen stark. Es ist keine echte rote Linie erkennbar, kein nachvollziehbares Konzept. Der Versuch, zwei völlig unterschiedliche Formen der filmischen Erzählung zu kombinieren, gelingt dem Regisseur Peter Kerekes nicht.

Weil der Zuschauer auf Spielfilm und Dokumentation immer unterschiedlich reagiert. Bei einem Spielfilm dringt man in die Welt der Geschichte ein und wird im besten Fall eins damit, bei einer Dokumentation hat man immer den Blick von aussen nach innen und hängt den eigenen Gedanken zu dem, was man gerade sieht, nach. Aber hier muss man ständig hin- und herschalten, was die Stärke beider Formate unterminiert.

Der Film will zwei Herren dienen, versagt aber darin und kann im Grunde nur damit punkten, dass die recht deprimierende Stimmung ein Gefühl dafür gibt, wie es wohl sein mag, hinter Gittern zu sitzen. Aber auch hier gilt: Das hätte intensiver sein können. So bleibt das Gefühl von gleich zwei verschenkten Chancen. Einem fiktiven Drama, das sich mit einer Mutter hinter Gittern, und einer Dokumentation, die sich mit im Gefängnis befindlichen Frauen, die allesamt von sich behaupten, der Liebe wegen hier gelandet zu sein, befasst.

11.04.2022

3

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