CH.FILM

Zürcher Tagebuch Schweiz 2020 – 100min.

Filmkritik

Was in der Luft liegt und durch Köpfe geht

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Stefan Haupt spürt dem Geist der Zeit nach. Eine experimentell angehauchte Liebeserklärung an die vor Leben pulsierende Stadt Zürich und eine Schilderung der gesellschaftlichen Befindlichkeit vor Einsetzen der Pandemie im Frühjahr 2020.

Stefan Haupt, 1961 in Zürich geboren, aufgewachsen und wohnhaft, erzählt in seinen Filmen immer wieder Zürcher Geschichte(n). Bereits 2004 hat er in „Downtown Switzerland“ zusammen mit Christian Davi, Kaspar Kasics und Fredi M. Murer seiner Heimatstadt erstmals den Puls gefühlt. Hier schliesst „Zürcher Tagebuch“ an: eine Inaugenscheinnahme gegenwärtiger Befindlichkeit, ausgehend von Haupts persönlichem (Er-)Leben und seinen eigenen, in einem Journal festgehaltenen Gedanken.

Der Film setzt ein mit einer Zugfahrt, die aus der Agglomeration in die Stadt führt und den Beginn eines Experiments markiert: einer in Tönen, Bildern und Gedanken unternommenen Reise, zu deren Beginn wenig mehr festgeschrieben ist, als dass ihr Ausgangspunkt in der unmittelbaren Gegenwart liegt und ihr Ziel nicht bekannt ist. Im fertigen Film verdichten sich die von Januar 2016 bis im Frühling 2020 eingefangenen Statements und Momentaufnahmen, Strassenszenen und Stimmungsbilder zum schillernden Spiegelbild einer politisch bewegten und gesellschaftlich spannenden Zeit.

Dabei manifestiert sich auf dem Hintergrund von Haupts persönlichem Leben – den Erinnerungen an die eigene Vergangenheit, dem Alltag mit der Familie, seinem Beruf als Filmschaffender – gegenwärtig Aktuelles. Politische Tendenzen und gesellschaftliche Entwicklungen. Gewagte Ideen von Zukunftsforschern und erschreckende Wachstumsprognosen. Immer wieder auch Fragen der Ethik, die sich in einer von rasanten Veränderungen geprägten, zunehmend globalisierten und virtuell vernetzten Welt immer drängender werden.

„Was liegt in der Luft?“ lautet die alles umfassende Frage dieses sehr poetischen, in Bild (Kamera: Lutz Konermann), Ton (Nicolas Nagy/Guido Keller) und Musik (Thomas Korber/Alexis Haupt) erfrischend experimentierfreudigen Films. Haupts Kinder und Eltern kommen darin ebenso zu Wort, wie Freunde, Bekannte, Nachbarn und eine Reihe prominenter Persönlichkeiten: Lebenskünstler, Politiker, Forschende; nicht zuletzt gibt Haupt auch einem Asylsuchenden das Wort. Eine in ihrer unkonventionellen Herangehensweise mutige, herausfordernde, stellenweise auch provokative Analyse einer sehr bewegten Zeit, die in diesem Film in den von Vogelgezwitschern unterlegten Bildern des Shutdowns im März 2020 abrupt zur Ruhe findet.

02.11.2020

4

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Kommentare

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sonnestaub42

vor 2 Monaten

Coole Film über Züri für no cooleri Zürcher.


willhart

vor 5 Monaten

Und damit hat es sich dann.


willhart

vor 5 Monaten

Der Trailer versprach mehr...an und für sich sind Tagebücher ‚nur‘ von Berühmten interessant. Wenn man damit sonst an die Öffentlichkeit gelangt, braucht es meiner Meinung nach einen grossen Bezug nach Aussen. Hier wird aber die kleine schweizerische Selbstgefälligkeit portiert; mit viel Moralin. Von der Insel aus lamentiert man den Zustand der Welt. Unddamit istMehr anzeigen


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