There Is No Evil Tschechische Republik, Deutschland, Iran 2020 – 150min.

Filmkritik

Gegen das System

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Die Berlinale gilt als das politischste unter den A-Festivals und so kommt es bei der Preisverleihung auch immer wieder zu Situationen, in denen die Jury Ästhetik und Signalwirkung miteinander verrechnen. In diesem Jahr löste der Goldene Bär für den besten Film erneut die Diskussion aus, ob diese Auszeichnung eher eine politische oder eine künstlerische Entscheidung war.

Der iranische Film „There is no evil“ erzählt in vier Episoden von der Todesstrafe: Ein liebender und fürsorglicher Familienvater geht jeden Tag auf die Arbeit um Urteile zu vollstrecken, ein Soldat widersetzt sich einem tödlichen Befehl, eine geplante Verlobung wird von einem Todesfall überschattet und ein junges Mädchen erfährt beim Besuch ihres Onkels ein erschütterndes Geheimnis.

Regisseur Mohammad Rasoulof steht seit Jahren im Fokus der iranischen Zensurbehörden. 2017 gewann er in Cannes den „Un Certain Regard“-Hauptpreis für „A Man Of Integrity“ und wurde nach der Rückkehr in den Iran wegen angeblicher „Propaganda gegen die muslimische Regierung“ mit einer Haftstrafe und einem Ausreiseverbot belegt. Um „There is no evil“ nun überhaupt realisieren zu können, wurde der Film als vier einzelne Kurzfilme unter verschiedenen Pseudonymen in jeweils anderen Städten angemeldet. Rasoulof musste teilweise verkleidet bei den Dreharbeiten auftauchen, stets in der Angst, dass die ausstehende Gefängnisstrafe vollstreckt werden könnte.

Der fertige Film besteht somit aus vier in sich abgeschlossenen Kurzfilmen, die narrativ nicht ineinandergreifen, sondern lediglich die Thematik der Todesstrafe aus verschiedenen Positionen beleuchten: Das Regime (unter)stützen oder nicht, im Land bleiben oder gehen - das sind die Fragen, denen sich die Figuren stellen müssen. Zwar wirkt das Drama ob des Durchdeklinierens des moralischen Dilemmas streckenweise konzeptuell überfrachtet, zugleich macht es auf diese Weise aber auch die allgegenwärtige Gewalt des repressiven Regimes sichtbar.

Und ja, vielleicht war der Goldene Bär in diesem Jahr zum Teil ein politischer Preis, ein würdiger Gewinner ist der Film allemal, denn er zeigt eindrücklich und mit kraftvollen Bildern, wie totalitäre Systeme sich selbst am Laufen halten – oder gestört werden können. Und zu welchem Preis. Übrigens sollte Rasoulof nach dem Berlinale-Gewinn seine Haftstrafe antreten, sein Anwalt hatte ihm jedoch geraten, der Aufforderung aufgrund der schweren Covid-19-Situation in den überfüllten Haftanstalten des Landes nicht nachzukommen. Im Juni dieses Jahres folgte die zweite Aufforderung, die erneut zu weltweiten Protesten und Solidaritätsbekundungen in der Filmbranche führte – und vielleicht wurde Rasoulof deshalb auch wieder nach Hause geschickt. Dies erzählt viel über die Einschüchterungsversuche und Willkür des Regimes, aber eben auch davon, wie wichtig die internationale Aufmerksamkeit ist.

12.11.2020

4

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 7 Monaten

Harte Kost. Am besten ohne Vorahnung ins Kino. Dann fährts in Episode 1 noch mehr ein.
Nach der dritten Episode hatte ich eigentlich fast genug.
Aber gut, wurde noch eine Episode nachgereicht.
Thema und Land schaffen einen...


Yvo Wueest

vor 8 Monaten

Berührend, ausdruckstark und packend ... diese vier parabelhaften und kunstvoll verknüpften Episoden aus dem kafkaesken Alltag unterschiedlicher iranischer Protagonisten. So tief kann Javad -und vermutlich wir Zuschauenden- im verwunschenen Bach im Wald den Kopf nicht unter Wasser tauchen, um sich (uns?) in einem bigotten und menschenfeindlichen System von Schuld reinzuwaschen. Solange wir brav die Funktion eines Rädchens übernehmen.Mehr anzeigen


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