The Roads Not Taken Schweden, Grossbritannien, USA 2020 – 85min.

Filmkritik

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Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Ein Filmfestival lebt nicht nur von guten und spannenden Filmen, es braucht auch immer etwas Glanz und Rummel um Stars und Sternchen, um die richtige Festivalstimmung auf den roten Teppich zu zaubern. Dank des Wettbewerbsbeitrags The Roads not taken der englischen Regisseurin Sally Potter brachten Javier Bardem, Salma Hayek und Elle Fanning bei der 70. Berlinale Hollywood-Glamour nach Berlin.

Der Film handelt dabei vom schwierigen Thema der Demenz. Im Zentrum steht Leo (Javier Bardem), der sich zunehmend in seinen Gedanken verliert. Mittlerweile ist er auf Pflege angewiesen, und auch seine Tochter Molly (Elle Fanning) kümmert sich liebevoll und aufopfernd um ihn. Für Arzttermine nimmt sie sich einen Tag frei und begleitet ihn durch New York, denn Leo schafft das nicht mehr allein.

Und während sie versucht, einen normalen Alltag zu kreieren, durchlebt Leo in seinem Kopf Parallelentwürfe seines Lebens: eine leidenschaftliche Liebe mit Dolores (Salma Hayek) in Mexiko, ein Leben als Schriftsteller auf einer griechischen Insel. Teile seines Ichs, Erinnerungen, Wünsche, die ihn am Ende immer wieder zurück zu seiner Tochter Molly führen.

Sally Potter ist bekannt geworden durch ihre feministischen Arthouse-Filme, ihre Virginia Woolf Verfilmung Orlando wurde 1992 für einen Oscar nominiert. Und so ist auch The Roads not taken trotz Hollywood-Besetzung kein Mainstreamfilm geworden – im Gegenteil, denn das mehrschichtig erzählte Drama über die Beziehung eines dementen Vaters und seiner Tochter kommt ziemlich verschlossen daher.

Potter wirft den Zuschauer direkt ins Geschehen und springt gleich zwischen den Erzählebenen hin und her. New York, Mexiko, Griechenland. Ob Leos Gedanken Erinnerungen oder Träume sind, bleibt erstmal unklar, alle Ebenen werden gleichberechtigt nebeneinander aufgefächert. Und bleiben so stehen.

Doch der Versuch, ein komplexes Bild eines Charakters zu zeichnen, die Relevanz von ungelebten Lebensentwürfen zu unterstreichen, geht nicht auf. Die imaginierten Biografien verlieren sich ebenso schnell in der Bedeutungslosigkeit wie die Gegenwart in der Belanglosigkeit. Die Art, wie Bardem einsilbig stotternd durch New York tapert, wie seine Tochter ahnungslos und überfordert versucht, Normalität vorzugaukeln, wirkt dabei seltsam überzeichnet und stereotyp.

Leo macht sich in die Hose, verschwindet barfuss aus der Wohnung und nimmt einen vor dem Supermarkt angebundenen Hund mit. Potter gelingt es nicht, eine emotionale Tiefe zu kreieren, die Episoden reihen sich uninspiriert aneinander, ein wirkliches Interesse an den Figuren wird zu keinem Zeitpunkt geweckt. Und obwohl Potter einen interessanten Ansatz gewählt hat, versinkt The Roads not taken in erzählerischer Langeweile.

22.06.2020

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