The Nest Kanada, Grossbritannien, USA 2020 – 107min.

Filmkritik

Zerfall einer Familie

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Nach dem Umzug in die USA gerät eine Familie in einen Strudel aus Entfremdung, Einsamkeit und Argwohn. „The Nest“ ist ein elegant gefilmter, exzellent gespielter Psycho-Thriller, der von einer unheilvollen Aura profitiert.

Rory (Jude Law) lebt mit seiner Familie nahe New York. Einst zog der gebürtige Brite, der es als Finanzmanager zu Wohlstand gebracht hat, in die Heimat seiner Frau Allison (Carrie Coon). Doch nun will er nach England zurück. Gemeinsam mit Allison und den Kindern pachtet er ein altes Landgut in Surrey mit Grundstücken für Allisons Pferde. Alles könnte perfekt sein, doch mit der Zeit treten Probleme auf. Dafür sorgt das Leben in der Isolation, da das Herrenhaus abgeschieden liegt. Hinzu kommt, dass sich Rory nur noch für sich interessiert und seine Familie aus dem Blick verliert. Ein destruktiver Kreislauf kommt in Gang.

Beim Betrachten von „The Nest“ wähnt man sich nicht wirklich im buntesten und schrillsten aller Jahrzehnte: den 80er-Jahren. Vielmehr setzt Regisseur Sean Durkin („Martha Marcy May Marlene“) bei seinem in den mittleren 80ern spielenden Psycho-Drama auf eine dezente Farbgebung und entschleunigte Inszenierung. Das gemächliche Tempo, mit dem er seine Geschichte vom Zerfall einer Upper-Class-Familie erzählt, passt ganz wunderbar zum Spannungsaufbau.

Denn erst allmählich und fast schleichend ändert sich die Stimmung nach dem Umzug auf das üppige Anwesen nahe London. Mit einem herausragenden Gespür für Timing und Suspense erzeugt Durkin eine unheilvolle, bedrohliche Atmosphäre. Zwar gibt es im Haus knarzende Türen und geheimnisvolle Zimmer, dennoch verzichtet „The Nest“ auf billige Haunted-House-Effekte und erwartbaren Grusel. Vielmehr ist das Gefühl der Beklemmung eine Folge des immer fragiler werdenden Familiengefüges – und der zunehmend von Misstrauen und Egoismus geprägten Beziehung zwischen Rory und Allison.

Jude Law brilliert als undurchsichtiger, charismatischer Unternehmer, dessen unvermittelte Wutausbrüche an Intensität zunehmen. Schon früh spüren Allison und der Zuschauer: Er scheint etwas zu verheimlichen. Carrie Coon steht Law in nichts nach. Sie füllt die Rolle der in die innere Leere abdriftenden Allison mit ungeheurer Leidenschaft und Tiefe aus. Mit aller Kraft versucht sie, die Familie zusammenzuhalten. Doch die stetig wachsende Abscheu, die sie Rory gegenüber empfindet sowie die trostlose Einsamkeit des Anwesens rauben ihr die Kraft.

Ein wenig vernachlässigt Durkin zwar den Alltag und die Probleme der beiden Kinder, diese Schwäche aber gleicht der Film durch zwei weitere Pluspunkte aus: Die stilvolle Bildsprache und den stimmigen Soundtrack. Die Musik ist fein auf die jeweiligen Szenen abgestimmt und setzt sich vor allem aus erlesenem Jazz und stimmungsvollen Pianopassagen zusammen.

22.01.2021

4.5

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Kommentare

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as1960

vor einem Jahr

In "The Nest" glänzt Jude Law als ehrgeiziger Familienvater, der alles daran setzt den Schein von Erfolg und Reichtum aufrecht zu erhallten. Dies führt zu immer grösseren Entfremdung zu seiner Frau und seiner Kinder. Atmosphärisch dicht und fast erdrückend erzählt, kann das Drama mit Thriller-Elementen trotz einiger Längen durchaus gefallen.Mehr anzeigen


Chraebu58

vor einem Jahr

Nicht für jeden aber super gespielt


julianne

vor einem Jahr

Fantastic thriller drama Hammer actors habe schon länger auf Apple schön konnte nich im Kino sehen !! sensationell umgesetzt vom nie genug zu bekommen !!


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