Der Unsichtbare Australien, USA 2020 – 124min.

Filmkritik

Raus aus der Beziehungshölle

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Ein Film, der die Beschreibung Neuinterpretation vollauf verdient: In Der Unsichtbare greift Leigh Whannell (Insidious: Chapter 3) die Prämisse von H. G. Wells‘ gleichnamigem Science-Fiction-Roman und dessen erster Leinwandadaption von 1933 auf, verpasst seiner Geschichte aber eine ganz eigene Note.

Gerade im Horrorkino schiessen anspruchslose Remakes und Fortsetzungen wie Pilze aus dem Boden. Statt kreativer Impulse regiert der Hunger nach dem schnellen Geld, den die Neuauflage bekannter Marken zu stillen verspricht. Leigh Whannell, der als Drehbuchautor und Hauptdarsteller 2004 mit dem Rätselschocker Saw bekannt wurde, geht in seiner dritten Regiearbeit zum Glück einen anderen Weg. Die von Wells erdachte Idee eines unsichtbaren, seine Umwelt terrorisierenden Wissenschaftlers baut der Australier in eine unheimliche Erzählung ein, die sich vor allem um die Folgen häuslichen Missbrauchs dreht.

Schon der ebenso gespenstische wie spannungsgeladene Auftakt lässt keine Zweifel daran, dass die Architektin Cecilia Kass (Elisabeth Moss) in einer destruktiven Beziehung lebt. Die imposante Hightech-Villa ihres Partners Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen) verfügt über eine ausgeklügelte Videoüberwachung und ist umgeben von einer dicken Mauer. Sicherheitsmassnahmen, die nicht zuletzt darauf abzielen, Cecilia an einem Ausbruch aus der Luxuswelt zu hindern.

Als ihr eines Nachts dennoch die Flucht gelingt und die bei Freunden Untergetauchte nur wenig später erfährt, dass der besitzergreifende Adrian Selbstmord begangen hat, scheint der Spuk beendet. Eigenartige Vorfälle nähren allerdings Cecilias schlimmste Befürchtungen: Womöglich ist ihr Ex, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Optik, gar nicht tot und hat einen Weg gefunden, um ihr verdeckt nachzustellen.

Die Neuverfilmung von «Der Unsichtbare» war ursprünglich als Teil des sogenannten «Dark Universe» geplant, einer zusammenhängenden Filmreihe von Universal, die hauseigene Monsterklassiker mit grossem Aufwand auffrischen sollte. Der Misserfolg von Die Mumie, dem ersten Kapitel des ambitionierten Leinwandprojektes, liess den Traum von einem gigantischen Franchise nach dem Vorbild der Marvel-Saga jedoch jäh zerplatzen. Anstelle hoch budgetierter Blockbuster werden die Horrorremakes nun in kleinerem Rahmen entstehen und erzählerisch unabhängig sein.

Eine Vorgabe, die Whannell sinnvoll zu nutzen weiss. Nach den nervenaufreibenden Anfangsminuten etabliert der auch für das Drehbuch verantwortliche Regisseur ein beklemmendes, sich langsam zuspitzendes Bedrohungsszenario, das sich dem Trend zum Holzhammer-Schock verweigert. Typische Genreelemente sind zwar präsent. Im Gegensatz zu vielen anderen Mainstream-Gruselstreifen entfaltet Der Unsichtbare allerdings eine emotionale Ausdruckskraft. Die seelischen Auswirkungen von Adrians perfiden Machtspielen geraten mehrfach in den Blick. Und Elisabeth Moss hat die Fähigkeiten, um die Achterbahnfahrt der Hauptfigur mitreissend zu illustrieren.

Dass der Film in der zweiten Hälfte zu etwas gröberen Mitteln greift, manchmal kurzzeitig ins Absurde abzudriften droht und einige logische Widersprüche nicht mehr verschleiern kann, ist schade. Über dem Horrordurchschnitt landet Whannells mit einer garstigen Schlusspointe endende Klassiker-Umarbeitung aber allemal.

04.03.2020

3.5

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

as1960

vor 25 Tagen

Die besten Momente hat "The Invisible Man" solange man möglichst wenig vom Unsichtbaren sieht. Mit fortlaufender Dauer wird die Logik immer unsichtbarer. Aber Elisabeth Moss trägt als die von ihrem manipulativen Mann traumatisierte Frau den Film, welcher dann doch fast immer spannend ist.


filmlove

vor 28 Tagen

Null.


elelcoolr

vor 29 Tagen

Spannend von der ersten Minute bis zum Ende und mit jederzeit spürbar bedrohlicher Atmosphäre. Das eine oder andere Logikloch gab es aber auch. Mir gefiel auch der Schluss, der einen dann doch noch zweifeln lässt, ob jetzt wirklich alles gut ist oder nicht.


Mehr Filmkritiken

Atlantique

Justice League

Das letzte Buch

Moskau Einfach!