The Duke Grossbritannien 2020 – 96min.

Filmkritik

Opa leistet Widerstand

Filmkritik: Fanny Agostino

Roger Michells Durchbruch hatte er 1999 mit «Notting Hill​​» erreicht. Vor seinem Rücktritt dreht der bekannte Regisseur eine wahre Begebenheit: Im Vereinigten Königreich der 1960er-Jahre wird Kempton Bunton (Jim Broadbent) beschuldigt, das Porträt des Herzogs von Wellington, das in der National Gallery in London ausgestellt ist, gestohlen und in seinem Haus versteckt zu haben. Trotz einiger Längen ist der Film vergnüglich und vermeidet kitschige Sentimentalität.

Der Film beginnt mit Bunton vor der Tribüne: Er muss sich vor Gericht verantworten, weil er das Gemälde im Wert von 140.000 Pfund und den Rahmen im Wert von 80 Pfund gestohlen haben soll. Dann wechselt die Erzählung in eine Rückblende und wir lernen den Alltag des 60-jährigen Aktivisten sechs Monate vor dem Diebstahl kennen.

Der Film ist flüssig, aber nicht besonders originell. Er legt einen angenehmen Rhythmus vor, in dem die Buntons wie ein altes Paar wirken, das über 50 Jahre zusammen ist. Komplizenschaft und Zynismus in Form von Witzen sind an der Tagesordnung und verleihen den Figuren eine gewisse Tiefe. Helen Mirren, die in «The Queen» (2006) als Elizabeth II. zu sehen war, spielt die Rolle der trockenen Ehefrau ausgezeichnet. Ihr Mann ist mit seinem schelmischen Blick und seiner Schlagfertigkeit eine liebenswerte Persönlichkeit, die auf seine Werte beharrt. Als Taxifahrer weigert er sich, einen Kriegsveteranen für seine Fahrt bezahlen zu lassen. Als Bäcker widersetzt er sich einem rassistischen Chef. All dies auf Kosten seiner eigenen Existenz.

Da die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, fügte Roger Michell einige Archivaufnahmen aus London ein. Der dokumentarische Aspekt bleibt dabei glücklicherweise auf der Strecke. Der Regisseur zieht es vor, sich die Geschichte wieder anzueignen und sie zu adaptieren, indem er die witzigen Seiten des Falls ausnutzt. Wir beobachten die Detektive bei ihrer völlig daneben liegenden Theorie: Sie verfolgen die Spur einer italienischen Gang, welche die Medienberichterstattung über den Kauf des Goya-Gemäldes ausgenutzt haben soll, um das Bild aus dem Museum zu schmuggeln. So erfreut sich der Zuschauer an der Sequenz, wenn eine Ermittlerin, welche auf die Schriftstellerei spezialisiert ist, anhand eines Briefes, der im Kommissariat der Hauptstadt eingeht, das Profil des Diebes erstellt. Aber das typische Porträt dieses bildungsfernen Mannes aus dem Norden entspricht bei weitem nicht der Vorstellung von Kriminalität, mit der die Polizei glaubt, konfrontiert zu werden. Die Spur wird leider aufgegeben.

Die Geschichte dreht sich um diesen Diebstahl und verwickelt sich in eine persönliche Angelegenheit. Die Buntons haben ihre Tochter bei einem Fahrradunfall verloren. Diese Verletzung, die in der Familie zum Tabu geworden ist, gibt Aufschluss über das unerfüllte Ziel des Rentners. Als Autodidakt träumt er von einer Karriere als Dramatiker und ist insgeheim eifersüchtig auf das Stück «Das Mädchen mit dem Fahrrad», das von seiner tragischen Geschichte inspiriert ist. Und genau dieser Nebenstrang ermöglicht es, die Handlung wiederzugeben, die den Rentner dazu bringt, das Porträt des Herzogs in der hintersten Ecke eines Schranks zu lagern. Ohne in Selbstmitleid zu verfallen, verflechtet sich die Komödie also mit der sozialen Realität der «Working Class». Ein Balanceakt, der weder ins Lächerliche noch in die Rührseligkeit abdriftet.

«The Duke» ist keine einfach gestrickte Komödie. Die wahre Begebenheit, die den Film inspiriert, verrät viel über die Machtverhältnisse zwischen der Bevölkerung - Rentner oder nicht - und der Regierung. Auch wenn man darin einen Kampf à la David gegen Goliath erkennt, so bekommen Buntons Forderungen dank der Selbstironie des Charakters eine wohlwollende Neigung. Die Prämisse eines Idealisten gegenüber der Staatsmaschinerie schlägt in einem schwierigen Kontext einen humorvollen Ton an – Und genau diese Eleganz macht das Werk zu einem echten Erfolg.

Übersetzung aus dem Französischen von Fanny Agostino durch Alejandro Manjon.

11.05.2022

4

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Kommentare

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as1960

vor einem Tag

"The Duke" glänzt mit skuril-sympahtischen Figuren, kleinen Lebensweisheiten und einer grossen Portion Menschlichkeit. Dies alles gepackt in eine witzige David gegen Goliath-Story. Was will man mehr von einem Feel-Good-Movie?


Silv007

vor 16 Tagen

Tolle Schauspieler, guter britischer Humor. Sehr unterhaltsam und kurzweilig.


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