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Stürm: Bis wir tot sind oder frei Schweiz 2020 – 118min.

Filmkritik

Freiheit bis in den Tod

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Ein von der Jugendbewegung gefeierter Ausbrecherkönig und eine idealistische Anwältin, die das verkrustete Strafvollzugssystem der Schweiz ändern will. Diese zwei Protagonisten finden im couragierten, unsentimental erzählten Polit-Drama „Stürm“ zusammen. Zwei Aussenseiter im Kampf für eine faire Strafjustiz.

Anwältin Barbara Hug (Marie Leuenberger) will das Justizsystem in der Schweiz der frühen 1980er-Jahre ändern. Sie vertritt viele Linksautonome, die sich gegen das System auflehnen. Eines Tages sucht der aus dem Knast geflohene Walter Stürm (Joel Basman) Rat bei der erfahrenen Anwältin. Die Beiden eint der Glaube an das Recht auf ein selbstbestimmtes, autonomes Leben. Barbara entwickelt Sympathien für Stürms Ideen und fühlt sich bald zu dem charismatischen, schelmischen Mann hingezogen. Doch nachdem er erneut im Gefängnis landet, erwartet Stürm die gefürchtete Isolationshaft.

Der Schweizer Regisseur Oliver Rihs führt uns in seinem mit romantischen Versatzstücken garnierten Polit-Drama zurück in eine angespannte politische Zeit. Es sind die frühen 1980er-Jahre, in der gewalttätige Proteste und soziale Aufstände die Schweiz erschüttern. Vor allem die jungen Menschen streben nach Autonomie und Selbstbestimmung. In Walter Stürm finden sie ihre Identifikationsfigur.

Für einen hohen Realitätsgrad sorgt Rihs, da er die Gewalt- und Protestaktionen auf den Strassen der Stadt nachstellt und Original-TV-Beiträge der damaligen Zeit präsentiert. Auch echte Tageszeitungen jener Tage sind zu sehen, etwa im Gerichtsgebäude. Es sind nicht selten diese kleinen, feinen Details bei der Ausstattung und Requisite, die ein genaues Hinsehen lohnenswert machen.

„Stürm“ lebt von den dringlichen, präzisen Darstellungen der beiden ambivalenten, hochspannenden Hauptfiguren – die für die gleichen Ideale kämpfen. Da ist Stürm, der mit seiner anziehenden, fast toxischen Männlichkeit die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Hinter seinen Verbrechen stehen sehr ungewöhnliche Motive. Die Unabhängig- und Selbstständigkeit eines jeden sind für ihn das Entscheidende, doch man muss dafür kämpfen. „Die Freiheit nimmt man sich, man kriegt sie nicht geschenkt“, sagt er.

Joel Basman harmoniert phantastisch mit Marie Leuenberger, die ihrer Figur eine unvergleichliche Präsenz verleiht. Die von den Medien abschätzig als „Anwältin der Aussenseiter“ titulierte Strafverteidigerin ist seit einem Nierenleiden in der Kindheit auf Krücken angewiesen. Doch sie kämpft sich durch. Genau das ist es, was Stürm an ihr bewundert: Hugs Durchhaltewillen, Einsatz und ihren Glauben an ihre Ideale. „Stürm“ ist daher vor allem ein genau beobachtetes, kluges Porträt zweier Aussenseiter, die der Gesellschaft und den Behörden der damaligen Zeit den Spiegel vorhielten.

09.02.2021

4

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