Shithouse USA 2020 – 100min.

Filmkritik

Wenn doch nicht alles scheisse endet

Zurich Film Festival
Filmkritik: Zurich Film Festival

In Cooper Raiffs Filmdebüt treffen wir auf den tiefgründigen Studienfrischling Alex, der sich einsam und noch ein wenig grün hinter den Ohren seinen Weg durch die Klischees eines amerikanischen Colleges zu schlagen versucht. Der 23-jährige Raiff schrieb nicht nur das Drehbuch, er führte gleichzeitig Regie, war Editor und spielt die Hauptfigur in seinem Nano-Budget-Film. In der weiblichen Hauptrolle ist Dylan Gelula zu sehen.

Kritik von Joanna Osborne

Während seine Mitstudierenden von einer Party zur nächsten tanzen und sich zwischen Alkoholexzessen und Drogen ihrem erblühenden Sexualleben hingeben, verschanzt sich der vom Heimweh geplagte Alex unverstanden in der Einsamkeit seines Zimmers. Eines Abends wagt er sich an seine erste Party im legendären „Shithouse“. Eine gute Zeit hat er nicht. Die zweite Hälfte der Nacht nimmt jedoch eine unverhofft schöne Wendung, als er auf die lebhafte Maggie trifft.

Die beiden spazieren mit einer Flasche Wein über den Campus und führen tiefe Gespräche. Eine Verbindung entsteht – vermeintlich. Denn als Maggie sich am Tag darauf distanziert verhält, lässt sie einen verstörten Alex zurück, der die College-Welt nun immer weniger versteht. Die Filmdynamik ergibt sich dabei weder aus spektakulären Szenenwechseln noch actionreichen Handlungen, sondern fliesst aus den real wirkenden Momentaufnahmen und ihren Interaktionen heraus. Nicht umsonst wurde Raiffs Film auf dem SXSW-Filmfestival 2020 mit dem Grand Jury Prize für Narrative Featureer geehrt.

Der ursprünglich mit «Madeline & Cooper» betitelte Film wurde von Raiff 2018 innerhalb von sechs Tagen für 300 Dollar mit seinen zwei besten Freunden gedreht. Die Idee zur Geschichte ergab sich aus eigener Erfahrung: Raiff gab in einem Interview an, sich im ersten College-Jahr hilflos und allein gefühlt zu haben. Um seinen Traum zu realisieren und einen leinwandreifen Film zu drehen, wandte sich Raiff via Twitter an Jay Duplass, der ihn dann auch tatsächlich unterstützte.

Shithouse ist eine nicht wirklich neue Liebesgeschichte von zwei ungleichen Teenagern. Angepasst wird dieser lediglich an die Bedingungen der Moderne: Anstelle eines Liebesbriefes bezeugt man sein romantisches Interesse nun eben auf Instagram. Was Raiff jedoch gelungen ist, ist die Herstellung von gefühlsechten Momentaufnahmen, woraus intuitiv eine Nähe und Identifikation mit den Darstellenden resultiert, ohne sich im Geringsten anstrengen zu müssen.

Die Dialoge sind natürlich und ehrlich, womit sie dem Film eine selten empfundene Tiefe verleihen. Man spürt die schwere Rauchwolke an der Party in den eigenen Lungen, fühlt das morgendliche Leid der Darsteller nach einer durchzechten Nacht und erlebt die Peinlichkeit eines unangenehmen Gesprächs am eigenen Leib. Alles wirkt echt und ungekünstelt – etwas, das vielen ähnlich gelagerten Streifen fehlt.

07.10.2020

3.5

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